Samstag, 19. September 2009

Tottenham Crazy

Englands Ex-Nationalcoach Terry Venables ist nach wie vor eine schillernde Persönlichkeit, mit einem Hang zu breit gestreuten Interessenfeldern. Dereinst schwang er etwa als Co-Autor gemeinsam mit dem Journalisten Gordon Williams die Feder für vier Detektiv-Romane. Zudem ließ es El Tel sich unter anderem nicht nehmen, einen Ausflug in musikalische Klangwelten zu unternehmen. Mit der ansonsten nicht wesentlich in Erscheinung getretenen Pop-Combo Rider trällerte er England mit dem Liedchen „England Crazy“ zur WM 2002 nach Japan und Südkorea. Der Swinggehalt des Stückes lässt sich vorzüglich auf Youtube überprüfen. Venables schlittert auf einem für London typischen Doppeldeckerbus mit allerhand Bass in der Stimme zwischen Big Ben und Trafalgar Square herumfahrend in den viel zu großen Spuren Frank Sinatras.

Hauptsächlich bleibt Venables dem britischen Fußball verbunden, auch wenn der mittlerweile 66-Jährige sich den nervenzehrenden Job auf einer der Trainerbänke der 92 englischen Profiklubs freilich nicht mehr antut. Schließlich hat El Tel hier in den achtziger und neunziger Jahren bei den Queens Park Rangers, dem FC Barcelona, bei Tottenham und als Coach der Three Lions genügend Meriten gesammelt. Die überdecken gar unglückliche Stationen in späteren Trainerjahren, wie in Middlesbrough, Leeds oder als Assistent des unglückseligen Steve McClaren auf der Bank der Three Lions.

Anstelle am Seitenrand im Anzug Kommandos abzufeuern, hört Venables indessen als Kolumnist der Sun unweigerlich jeden Samstag das Gras wachsen. So prophezeite er etwa am Tag des Premier League-Starts Tottenham einen fünften Rang. Getreu dem Motto „Alte Liebe rostet nicht“ sah er bei seinen oft mittelmäßigen „Spurs“ beste Chancen, der Top Four um Chelsea, Manchester United, Liverpool und Arsenal ordentlich einheizen könnten. Vielleicht hatte ihn beeindruckts, dass Tottenhams Trainerfuchs Harry Redknapp schon in der Wintertransferperiode üppig eingekauft hatte und mit Robbie Keane und Jermain Defoe namhafte Ex-Spurs zurück an die White Hart Lane gelotst hat, zu den sich im Sommer Englands Sturmlulatsch Peter Crouch hinzugesellen durfte.

Eine Woche und zwei Saisonsiege später, inklusive eines überzeugenden Heimsiegs gegen Liverpool und einem 5:1-Kantersieg bei Hull City, sollte Venables dann nicht zögern, seine Prophezeiung über den Haufen zu werfen und ließ seine Sun-Kollegen vielsagend titeln: „Harry can crash into top four.“

Vollendet wurde dieser glänzende Auftakt durch den dritten Triumph in Folge im stets schwierigen Nachbarschaftsduell bei West Ham. Der rief selbst bei der sachlichen Online-Redaktion der BBC weitreichende Erinnerungen hervor. Die folgerte, dass Tottenham letztmals vor 49 Jahren einen vergleichbaren Traumstart hinlegte und nach diesem im Frühjahr 1961 seinen letzten Meistertitel, damals noch in der First Division, feierte.

Nach einem mageren Jahr lehrt Tottenham der Englands Fußball-Oberhaus also wieder das Fürchten. Sieg Numero four gegen Aufsteiger Birmingham gelang beinah mit links. Die jüngste 1:3-Heimniederlage der „Spurs“ an der White Hart Lane gegen Manchester United brachte Tottenhams leicht verschobene Plattentektonik allerdings wieder ein wenig ins Lot. Der Boden der Tatsachen wird im Londoner Norden vermutlich erst wieder erreicht werden, nachdem Tottenham morgen an Chelseas Stamford Bridge bei Ballacks heimstarken Blues gastiert haben wird.

Dieses Gastspiel soll anlassgebend sein, auf den kauzigen Harry Redknapp hinzuweisen. Denn der mit allen Abwässern gewaschene Trainerfuchs palaverte doch neulich, mit seiner Vorliebe kokettierend ehemalige Tottenham-Kicker zurück an die White Hart Lane zu eisen, selbst Tottenhams Legendenduo Pat Jennings und Glenn Hoddle reaktivieren zu wollen. Wohlgemerkt, beiden Herren haben die Fünzig weit überschritten.

Chelsea-Coach Ancelotti wird rasch durchgeatmet haben, als Redknapp schnell väterlich einschränkte, dass Jennings und Hoddle dafür natürlich zwanzig Jahre jünger sein müssten. Einem anzunehmenden Heimsieg Chelseas steht nun vermutlich nichts mehr im Wege, womit Tottenhams Höhenflug wohl verpufft wäre. Hoddle im Mittelfeld und Jennings im Kasten, da hätte für Mr. Venables der Platz in seiner Sun-Kolumnenspalte vermutlich nicht mehr ausgereicht. Wenn er nicht gar seinen WM-Song für die alte Liebe von der White Hart Lane mit abgewandeltem Titel erneut auflegt hätte: „Tottenham Crazy“…

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