Dienstag, 4. November 2008

Bonhofs Abschiedsblues

Der FC Chelsea hat Rainer Bonhof den Job als Talentscout gekündigt. THOR WATERSCHEI mit einer augenzwinkernden Hommage an den inzwischen 56-Jährigen, der eine schier unbeachtete Karriere als Titelsammler hinter sich hat.

Was macht eigentlich...Rainer Bonhof? Ganz ehrlich? Rainer Bonhof wurde vorgestern Opfer von einem der größeren Treppenwitze der jüngeren Fußball-Geschichte. Wer es noch nicht mitgebekommen hatte: vor gut zwei Jahren engagierte der finanziell so potente Chelsea Football Club den 74er Weltmeister mit den niederländischen Wurzeln als Talentspäher und versah ihn mit der Zuständigkeit für Deutschland, Österreich und die Schweiz.

Diese Nachricht wanderte eher gemächlich durch die Gazette, veranlasste seinerzeit dennoch in einem Fanforum von Red Bull Salzburg (!) skeptische Geister zu einem gepflegten Bad in Selbstironie: „Wo? Bei uns? Hoffentlich nimmt er sich viele interessante Bücher ins Stadion mit.“ Mittlerweile ist nun recht viel Wasser durch die Themse geflossen und Bonhofs letzte Messe als Chelsea-Scout definitiv gelesen.

Denn der Abramowitsch-Klub, der sich in den letzten Jahren nicht ganz billige Transferbratwürste wie die Herren Schewtschenko oder Boulahrouz gönnte, dreht das englische Pfund anlässlich der globalen Finanzkrise plötzlich zweimal um und hat gleich 15 seiner 25 Scouts, inklusive Rainer Bonhof, vor die Tür gesetzt. Nur, wussten Romans Vasallen eigentlich, wem sie da den Kick durch die Vordertür gaben? Frei nach Dittsche, einem wahren Titel-Titan.

Immerhin jemanden, der zu aktiven Zeiten, nicht nur Gerd Müller im 74er WM-Finale die Vorlage für dessen Siegtor gegen Cruyff & Co. gegeben hat. Zuzüglich zu diesem WM-Sieg und dem Gewinn zweier Europameisterschaften (als einsatzloser Reservist) sammelte Bonhof mit Borussia Mönchengladbach und dem FC Valencia vier deutsche Meisterschaften, jeweils einen deutschen und spanischen Pokalsieg sowie zwei Europapokalsiege. Oberflächlich erbsengezählt sind das elf stolze Titel, inklusive des 96er EM-Triumphes als Bertis Adlatus gar ein Dutzend.

Gut, in der Pokalvitrine Chelseas wacker nachgezählt, kommt man auf die zunächst durchaus nicht zu verachtende Zahl von 19 Preisen und Trophäen. Doch, mal ehrlich. Reduziert um die zehn nicht so bedeutungsschwangeren Triumphe im englischen und europäischen Supercup, in der anglo-Version des Ligapokals oder weiteren kruden Pokalauflagen aus dem Fußballmutterland, bleiben nur noch zwei Europapokalsiege, vier FA Cup-Triumphe und drei mickrige Meisterschaften, mithin neun Titelchen übrig.

Wenn man mit naiven wie augenzwinkerndem Blick so will, hat Chelsea also mit Bonhof gerade demjenigen den Abschiedsblues gespielt, der Chelsea dank toller Talentempfehlungen unter die Arme hätte greifen können, hyperteuren Transferflops goodbye zu sagen und damit das Pfund nicht doppelt umdrehen zu müssen. Vor allem hätte eines jener Bonhof-Talente dazu beitragen können, dass der Chelsea Football Club sich der obigen Titelmarke seines deutschen Ex-Spähers wieder etwas näher heranpirscht.

Angeblich will Bonhof nun wieder auf die Trainerbank zurückkehren. Im fernen Baku (→ Auf nach Aserbaidschan) soll sich daher ein alter Gladbacher Kumpel Bonhofs laut unbestätigten Gerüchten schon längst die Hände reiben. Für diesen Kumpel gilt im Übrigen aus aufmunternder Perspektive ebenso wie für Bonhof selbst der Titel von Bonhofs 119-seitiger Biographie in Taschenbuchform wohl derzeit mehr denn je. So ließ Bonhof doch bereits anno 1982 mit unverhohlener terrierhafter Anspielung auf diesen im fernen Baku weilenden alten Gladbacher Kumpel titeln: So habe ich mich durchgebissen. Also, do it again!

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