Samstag, 25. Oktober 2008

Heilsbringer i. R.

Im Gästeblock von THOR WATERSCHEI erzählen Fußball-Fans von ihrem Lieblingsverein. Jannik Sorgatz lässt etwa auf seine Gladbacher Fohlen grundsätzlich nichts kommen, klopft seiner Borussia jedoch anlässlich der heutigen Rückkehr von Hans Meyer auf die Gladbacher Trainerbank im Heimspiel gegen den KSC kritisch auf den Busch.

Nach mehr als fünf Jahren ist Hans Meyer zurück in Gladbach. Weder ein Super-GAU noch die Ankunft eines innig erwarteten Heilsbringers.

Hans Meyer hat das Rentenalter inzwischen auch offiziell erreicht. Nicht nur gefühlt, wie seit fünf Jahren. Als er sich 2003 von der Trainerbank am Bökelberg zum Rosenzüchten zurückzog, schien die Laufbahn des heute 65-jährigen beendet. Fürs Erste.

Es folgte der Feuerwehreinsatz in Berlin, der nach getaner Arbeit – nach Erreichen des Klassenerhalts – schon schnell wieder vorüber war. Ein gutes Jahr später holte der 1. FC Nürnberg den Frührentner aus dem erneuten Ruhestand-Intermezzo. Vom letzten ging es innerhalb eines knappen Jahres auf den ersten Tabellenplatz. Meyer führte den Club zum Pokalsieg im Mai 2007 und auf Rang sechs in der Bundesliga. Im UEFA-Cup meisterten die Franken unter seiner Regie sogar die Gruppenphase.

Als die Franken wieder dort gelandet waren, wo Meyer sie übernommen hatte, zog die Vereinsführung im Februar dieses Jahres die Reißleine. Der Meister der Selbstironie wurde diesmal scheinbar endgültig in Pension geschickt. „Scheinbar endgültig“ – ein Ausdruck, der die letzten fünf Lebensjahre des Hans Meyer versinnbildlicht wie kein anderer. Kaum etwas kam so, wie man es erwarten durfte.

Jetzt ist er entgegen aller Erwartungen zurück auf der Bühne Bundesliga. Zum letzten Mal – möchte man auch diesmal meinen. Hans Meyer ist zwar kein Super-GAU für die Borussia. Er ist aber auch nicht die Messias-Lösung. Keiner für die Zukunft, sondern ein Feuerwehrmann auf Raten. Keiner, der von Emmerich bis Erkelenz den gesamten Niederrhein in Ekstase versetzt. Aber eben auch keiner, der Anhänger ihre Mitgliedschaft kündigen lässt. Im Zuge des demografischen Wandels ist ein 65-jähriger auf der Trainerbank zudem längst kein Methusalem mehr. Analog hat sich Kalli Feldkamp zurückgemeldet im Geschäft – der ist 74 und damit mehr als acht Jahre älter.

Dennoch braucht Gladbach nach den Greisen Köppel und Heynckes, dem stillen Strippenzieher Luhukay alles andere als einen in die Jahre gekommenen Selbstdarsteller wie Hans Meyer, dessen Interviews zwar zuverlässig ein Schmunzeln hervorrufen und die häufig allzu sterile Medienlandschaft aufhellen. Aber Ironie und Sarkasmus schießen eben selten Tore. Ein Vertreter der neuen Trainergeneration um Thomas Doll, Mirko Slomka und Dieter Eilts wäre diesmal an der Reihe gewesen. Entweder hat man das an der Hennes-Weisweiler-Allee nicht kapiert. Oder aber es hat sich niemand gefunden.

Besonders Präsident Königs hat sich in den vergangenen Tagen als Befürworter von Hans Meyer hervorgetan. Im kurzlebigen Fußballgeschäft hat es durchaus Seltenheitswert, wenn ein Vereinsoberhaupt innerhalb von vier Jahren fünf Trainer verschleißt, bereits den vierten Sportdirektor anstellt und noch immer im Amt ist. Königs' Tage sind der Dynamik des Geschäfts zufolge schon lange gezählt. Doch der Fußball-Laie klammert sich wacker an seinen Stuhl. Überhaupt wird seine Personalie überraschend wenig diskutiert. Der Mann trotzt bislang allen Gesetzen. Indirekt wird Meyer entscheiden, wie lange das so bleibt.

Angesichts des Weges, den die Borussia in den vergangenen zehn Jahren größtenteils selbstverschuldet zurückgelegt hat, muss man fast dankbar sein, dass Matthäus in Israel, Vogts in Aserbaidschan und Neururer auf der Wohnzimmercouch geblieben ist. Wie gesagt: Meyer ist kein GAU, sondern kommt als Heilsbringer i.R. an den Niederrhein.Die Dauerkarte wird jetzt nicht, wie vor zwei Wochen angedroht, auf den Gleisen landen. Der Erfolg gibt letztendlich jedem Recht, solange er sich zügig einstellt. Doch ein munteres, optimistisches Stück Plastik sieht anders aus.

Ansonsten parliert Jannik Sorgatz regelmäßig in seinem gelungenem Blog Entscheidend is auf'm Platz über seine Borussia.