Mein Leben mit Arminia fing eigentlich optimal an. Aufgestiegen als bester Zweitligameister aller Zeiten, durfte ich im zarten Alter von sieben Jahren erstmals mit auf die Alm und gleich auf Block 3. Gegner am 1. Spieltag der Bundesligasaison 80/81 war der 1. FC Köln, die mit Schuster, Schumacher & Littbarski antraten. 30.000 Zuschauer sorgten für eine fantastische Stimmung auf den Stahlrohr-Stehplatztribünen, wie sie heute nicht mehr möglich ist. Nur das Ergebnis passte am Ende nicht. Mit 2:5 musste sich Arminia den Jungs vom Dom geschlagen geben. Ich wurde gleich entsprechend eingenordet ....
Die Zeiten Anfang der 80er Jahre waren rückblickend eigentlich mit die besten von Arminia, 5 Jahre blieb man am Stück erstklassig. 15., 12., 8.,8., lauteten die Platzierungen bis 1984, unter Trainern wie Horst Franz, Kalli Feldkamp und Horst Köppel. Wir sind als Kids oft unterm Zaun durch oder durften nach der Halbzeit rein, heute undenkbar. Als Tabellen-16. qualifizierte sich der DSC 84/85 für die Relegation, und damit für den langsamen Tod. Man scheiterte unerwartet an Saarbrücken. Letztmalig kamen 35.000 Besucher auf die Alm, eine bis heute nicht mehr erreichte Anzahl. Was auch daran lag, dass fortan aus sicherheitstechnischen Gründen die Tribünen teils gesperrt wurden. 18.500 hätten nun noch Platz bekommen können, aber soviele kamen nicht mehr.
Scheiterte man 85/86 als 4. nur knapp am Wiederaufstieg, konnte man 86/87 nur so gerade noch den Kopf aus der Schlinge ziehen. 87/88 war der Fahrstuhl nach unten nicht mehr aufzuhalten. Auch der 6. (!) Trainer in der Saison, der erst 29jährige Ernst Middendorp, konnte Arminia nicht mehr retten. Zu groß war der Abstand, zu schlecht waren die Spieler. Arminia stieg abgeschlagen als 20. in die Oberliga Westfalen ab. Das letzte Heimspiel wollten nur noch 500 Zuschauer über sich ergehen lassen. Ich war noch dort, wo sollte man auch sonst hin? Ein Trikot wechselt man nicht, Charakterfrage. Der Verein stand nun kurz vor dem Konkurs, viele Spieler gingen, ein Durchreichen in die Verbandsliga schien nicht unwahrscheinlich. Arminia am Ende?
Mitnichten. Ernst Middendorp hauchte dem Klub 88/89 eine neue Seele ein. Es sollten meine beiden besten Jahre werden, auch wenn ich zu einem Auswärtsspiel beim VfR Wellensiek im Kreispokal gar zu Fuß gehen konnte,auch wenn statt Bayern München nun Buer-Hassel zu Gast war. Middendorp rekrutierte aus unteren Ligen 20 völlig unbekannte Jungs aus der Region und formte um Torwart-Oldie Kneib eine verschworene, identitätsstiftende Einheit, welche unerwartet die Oberliga aufmischte. Doch letztendlich scheiterte diese junge Truppe an ihren Nerven. Bis zum Saisonende gab es ein Kopf an Kopf Rennen mit Münster. Am letzten Spieltag hätte dem DSC ein Punkt in Rheine gereicht. 10.000 mitgereiste Fans wurden Zeuge einer der bittersten Niederlagen in der Klubgeschichte. Abgefangen auf der Zielgeraden, die Preußen stiegen auf.
In der nächsten Saison startete man einen neuen Anlauf Richtung 2. Liga.Wieder bot das Team begeisternden Power-Fußball. 7:0 gegen Gütersloh und der Tabellen-Zweite Paderborn wurde mit 6:1 nach Hause geschickt, meine alltime-favorits. Arminia sicherte sich souverän die Westfalen-Meisterschaft, um in der anschliessenden Aufstiegsrunde an Havelse und Oldenburg zu scheitern. Das dritte Oberliga-Jahr war perfekt. Es waren dennoch zwei wahnsinninge Spielzeiten, wenn man nicht dabei war, kann man es kaum glauben, nur das Ende passte leider jeweils nicht.
Der Trainer musste dann gehen, bis 1994 kickte man weiter mit bestenfalls latenten Aufstiegshoffnungen in der Oberliga Westfalen. Die Preußen gesellten sich wieder hinzu und vermöbelten die Arminia regelmäßig, gerne mit 3:0, was bis heute tief in den Seelen unserer Fans sitzt. Man hatte sich schon mit Gegnern der Marke Dülmen, Holzwickede oder Brakel abgefunden. Dochim April 1994 präsentierte der umtriebige Manager Rüdiger Lamm mit Thomas von Heesen, Fritz Walter, Armin Eck und Jörg Bode vier Bundesliga-Spieler für die kommende Regionalliga Spielzeit 94/95. Ein Erdbeben....
Und da war sie wieder, die Euphorie. Lamm putzte Klinken und verplante schon mal die Champions-League Einnahmen aus der Saison 2023. Das war uns egal. Alles oder nichts! Nach vier Spieltagen sprang Ernst Middendorp als Trainer ein. Er formte aus "Oberliga-Versagern" und "Bundesliga-Stars" eine fantastische Truppe, welche nicht nur nach sieben Jahren Drittklassigkeit in die 2. Liga aufstieg, sondern gleich zum Durchmarsch in die 1. Liga ansetzte! Wir waren wieder da. Hallo Bayern, hallo Dortmund! Das halbe Stadion wurde neu gebaut, mit Stefan Kuntz ein waschechter Europameister verpflichtet und Arminia sicherte sich 96/97 die Klasse. Man hatte hier noch ganz andere Visionen, doch soweit sollte es nicht kommen.
Ab 1998 ging es mehrfach rauf und runter. Ich kann die Auf- & Abstiege kaum noch zählen. Leute kamen und gingen. Maßgeblichen Anteil daran, dass Arminia sich bis heute in der Bundesliga hält, hatte Thomas von Heesen, als Spieler, Trainer & Manager. Und selbst Ernst Middendorp, 2005 von den Fans zum Trainer des Jahrhunderts gewählt, kam 2007 noch einmal zurück um Arminia zu retten. Es wird nicht seine letzte Amtszeit gewesen sein. Zweimal stand der DSC zwischendurch sogar im Halbfinale des DFB-Pokals und damit dicht an den internationalen Töpfen. Natürlich verlor man beide Spiele. Ich habe mich darauf eingestellt, dass ich niemals eine Auswärtstour ins Ausland machen kann. Vielleicht passt das auch nicht zu uns.
Fan von Arminia zu sein kann man ungefähr mit einer Achterbahnfahrt vergleichen. Dieser Klub ist nicht perfekt, das macht ihn sympathisch. Ich habe 10 Niederlagen am Stück gesehen, 10 Gegentore in einer Halbzeit kassiert und in einem Spiel lief Arminia gar mit nur 10 Mann auf. Dennoch sind wir nun seit 5 Jahren in der 1. Bundesliga. Unser Stadion ist inzwischen fertig gebaut, ganz ohne Steuergelder, es hat 12 Jahre gedauert, man gab ihm zwar einen neuen Namen, doch für uns bleibt es natürlich die Alm.
Bundesliga ist zwar schön, aber ich denke immer öfter mit Wehmut an vergangene Tage, wo man in Bocholt im Dauerregen stand, in Osnabrück verkohlte Bratwürste serviert bekam, in Salmrohr kaum den Ort finden konnte, in Essen schon 10 km vor der Stadt von der Polizei kontrolliert wurde, in Münster erst zur 2. Halbzeit ins Stadion kam, weil 5.000 Bielefelder für einen 30 km Stau auf der B 64 sorgten, in Verl eine Dreistufen-Tribüne vorfand, in Duisburg den Zebra-Twist nicht mehr aus dem Ohr kriegte, usw. usw. Das alles wird uns in der Hochglanzarena zu Wolfsburg nächste Woche sicher nicht passieren.
Stefan Hübner ist Betreiber der bemerkenswerten wie Ernst Middendorp-affinen Internetseite Jahrhunderttrainer.de.






2 Kommentare:
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