Mittwoch, 9. Juli 2008

Kafkaesk

Im Gästeblock von THOR WATERSCHEI erzählen Fußball-Fans von ihrem Lieblingsverein. Wie zum Beispiel Carsten Pilger , der trotz jeglicher sportlicher Talfahrten seinem 1. FC Saarbrücken unentwegt die Treue hält und hofft, dass der „schlafende Riese“ FCS sich doch irgendwann noch einmal wecken lässt.

Früher oder später stößt man, egal was man liest, hört oder sieht, über das Wort „kafkaesk“, welches laut Wikipedia „ein unheimliches Gefühl dunkler Ungewissheit, ..., eines Ausgeliefertseins gegenüber schemenhaften dunklen Mächten“ beschreibt und sich auf den guten alten Franz Kafka bezieht. Wäre der jetzige 1. FC Saarbrücken etwas häufiger Gegenstand medialer Berichterstattung, über den Tellerrand der saarländischen Medien herausgehend, könnte man dieses Adjektiv häufiger antreten. Kafkaesk!

Die Fankarriere beim Aushängeschild des saarländischen Fußballs, laut Präsident Hinschberger sogar „Leuchtturm des Saarfußballs“ beginnt unspektakulär wie der Werdegang in jedem anderen Verein. Entweder man bekommt die Leidenschaft vererbt oder man entdeckt irgendwo das Wappen des lokalen Spitzenvereins in der Zeitschrift oder auf einem Wimpel an der Seitenscheibe eines parkenden Autos. Man stellt fest, dass es ja sowas wie höherklassigen Fußball direkt vor der Haustür gibt. Man ist euphorisch, begeistert und die Sucht beginnt zu greifen.

Schnell begreift man aber selbst, dass es nicht immer bergauf gehen wird. Argwöhnisch betrachtet man schon diesen Ludwigspark: Zerfallene Stehtraversen, veraltete Sitzbänke, die Toilette direkt neben der Würstchenbude und Wände anstelle von Pissiors... und doch zieht eine bedrohliche, unsichtbare Macht einen Woche für Woche immer wieder in diesen Kulttempel. Als ich zu Regionalligazeiten zum ersten Mal ein Spiel aus dem Fanblock D1 heraus verfolgen wollte, stellte ich mich natürlich an einen Wellenbrecher.

Als ein älterer Herr etwas verdutzt den Platz als seinen „Stammplatz“ beanspruchte, konnte ich das Ausmaß dieser Kraft erst viel später erkennen: diese armen Seelen waren Gefangene des 1. FC Saarbrücken! Ihre Sucht ließ sie jedes zweite Wochenende zum selben Platz zurückkehren, wie ein Täter stets zum Ort des Verbrechens zurückkehrt. Verbrecher waren in den Augen der meisten Fans dann aber die Herren „da oben“, die klanghafte Positionen wie den Aufsichtsrat, den Sportdirektorposten oder gar ein Amt im Präsidium besetzten.

Um nicht unnötig hier mit einer Wertung ansetzen zu wollen (objektiv könnte diese wohl kaum ausfallen), kann man feststellen, dass die Bürokratie im Staate FCS auf ihre Weise stark kafkaesk geprägt ist. Über eine ehrenamtliche Tätigkeit (Moderator im offiziellen Internetforum des FCS) kam ich mit Geschäftsstelle und Fanarbeit in Berührung. Viele Wünsche, Vorstellungen, Visionen für einen besseren, ja optimalen Internetauftritt wurden gefertigt, die warscheinlich niemals „die richtigen Leute“ erreichte.

„Die richtigen Leute“ waren eine ominöse Personengruppe, von welcher der damalige Fanbeauftragte GG mir damals immer mit einem Leuchten in den Augen erzählte. Ja, wenn diese „richtigen Leute“ endlich aus ihrem wohlverdienten Urlaub kämen, würden sie einem alle Wünsche erfüllen. Sei es eine kreative Idee oder eine berechtigte Beschwerde. Ob diese „richtigen Leute“ letztendlich eine Erfindung von GG waren oder ob ihre Machenschaften doch über die Erfüllung einfacher Fanwünsche hin in den konspirativen Bereich gingen, ist leider nicht überliefert. Von meiner ehrenamtlichen Tätigkeit wurde ich nach zwei Abstiegen und zu vielen kritischen Tönen gegenüber der Vereinsführungen entbunden.

Mit einer Ungewissheit ging man in die erste Saison der Viertklassigkeit. Trotz personeller Umbesetzungen blieb man doch dem Gefühl treu, einer dunklen Macht ausgeliefert zu sein. Vielleicht lag das einfach daran, dass im Vorstand ledeglich drei Umbesetzungen nach jahrelangem Misserfolg vorgenommen wurden und man zum neuen Präsidenten keinerlei Bezugspunkt hatte, außer dass er dasselbe Parteibuch wie sein Vorgänger besaß. Mittlerweile hatte ich im Block E2, der frankophilen „Virage Est“ eine neue Heimat gefunden.

Hier sammelten sich die Kritischen, die Verschmähten, die „Nörgler“, die den Hauptsponsor, in Augen vieler Lebensspender des FC, verschmähten und eben kritisierten. Doch das war nur eine Gruppe von verschiedenen Gruppierungen, die sich im Ludwigspark tummelten und den Verein in seinem schwierigsten Jahr beistanden. Getrennt in der Meinung, vereint in den Farben blau-schwarz erlebten sie das Verpassen der Regionalliga und somit den tiefen Sturz in die Fünftklassigkeit. Ein größeres Horrorszenario hätte sich wohl niemand im Jahr 2005, als gerade „Weltstar“ Mustapha Hadji verpflichtet wurde, ausdenken können.

Nun stehen klanghafte Gegner wie Niederauerbach oder Betzdorf bevor. Der geneigte FCS-Fan sieht sein altes Leben vor sich Revue passieren: Torwart-Idol Dieter Ferner, langjähriger Trainer der Reserve, kommt zurück als Cheftrainer und bringt dazu alles, was mal für den FCS über den Platz sprang zurück: Marina, Rozgonyi, Weißmann, Hallé. Man fühlt sich wie in einer Zeitschleife gefangen, die niemals ihr Ende finden wird und in zahllosen Wiederholungen der „guten alten Zeiten“ endet. Zur Not auch mit dem 50-jährigen Jubiläum des 6:1-Erfolges über die glorreichen Bayern aus München, welches am 16.04.2027 zelebiert werden darf.

Vielleicht dürfen wir bis dahin alte Helden wie Wynalda, Hutwelker, Hadji oder Magath in verschiedensten Funktionen wiedergrüßen, immer wieder mit der unerfüllbaren Weisung, jüngeren FCS-Fans einen Teil nieerlebter Erfolge zu bescheren. Am Ende triumphiert immer die Ungewissheit, vielleicht irgendwann doch einmal den „schlafenden Riesen“ (K. Toppmöller, Ex-Trainer) aus seinem Schlafe zu wecken. Franz Kafka sagte übrigens einst: „Von einem gewissen Punkt an gibt es keine Rückkehr mehr. Dieser Punkt ist zu erreichen.“ Er wird dabei hoffentlich nicht an den 1. FC Saarbrücken gedacht haben.

Carsten Pilger lässt in seinem sehenswerten FCS-Blog (→ Non) seine Leser an seiner Leidenschaft für den „Leuchtturm des Saarfußballs“ teilhaben.

1 Kommentar:

Plumpaquatsch hat gesagt…

Glückwunsch, Carsten!
Mal wieder ein schöner Text! Aber das kenna ma jòò hie in Saabrigge schunn lang vunn Dir... ;-)

Grüße von Plumpi