Montag, 21. Juli 2008

Über den „Klömpchensclub“

Im Gästeblock von THOR WATERSCHEI erzählen Fußball-Fans von ihrem Lieblingsverein. Dirk „Klenkes“ Förmer hat sich etwa ganz Alemannia Aachen verschrieben und gibt einige Episoden aus seinem Dasein als Fan des „Klömpchensclubs“ zum Besten.

Man nennt mich Klenkes, und ich bin 37 Jahre alt. Ein richtiger Fan von Alemannia Aachen wurde ich 1989, jenem Jahr, als mein Club den bitteren Gang in die Amateur Oberliga Nordrhein antreten musste. Das erste Spiel war gegen Preußen Münster und ich weiß eigentlich gar nicht mehr so richtig, warum ich eigentlich dort hinging. War es Magie? Vorher hatte ich hier und da mal ein Spiel besucht, aber das Spiel gegen Preußen Münster sollte der Startschuss sein. Hatte ich als Kind noch das FC Bayern-Fähnchen gewedelt, trug ich nun schwarzgelb.

Höhepunkt meiner Einstiegssaison war, dass bei Alemannia mit Mustafa Denizli erstmals ein türkischer Trainer anheuerte. Es ging im Abstiegskampf für Alemannia gerade etwas bergauf, da gab es weitere Rückschläge - nach einer erneuten Niederlagenserie und dem Rücktritt des „türkischen Kaisers“ stieg Alemannia ab, in die Amateur-Oberliga. Dumm gelaufen für mich als neuen Fan, kann man da eigentlich nur sagen. Das wäre wohl der Zeitpunkt gewesen, sich einem anderen Club anzuschließen, vielleicht einen, der in der Bundesliga spielt?

Aber nein. Denn ist man erst einmal mit dem Alemannia-Virus infiziert, dann gibt es kein Entrinnen mehr. So also hielt ich weiter die Treue und lernte Fußballplätze kennen, , deren Namen mir nicht mal im Traum eingefallen wären. Stadien konnte man diese bei besten Willen nicht nennen. Da ich bis dahin in meinem Fanleben, DFB-Pokal-Spiele ich noch nie erlebt hatte, lernte ich nun, was eine so genannte „Bereinigungsrunde“ ist, in der man sich zuerst einmal für den Mittelrhein-Pokal qualifizieren musste.

Das Schöne war aber, dass man alle Auswärtsspiele locker und leicht per Bus erreichen konnte. Auch wenn die Alemannia nur noch Amateur-Status besaß, freute sich die Aachener Region, wenn die große Alemannia ihre Visitenkarte abgab. So manche Vereine, die nun anstatt 500 auf einmal 5000 Zuschauer begrüßen durften, wurden nebenbei saniert. Folgerichtig gab es jede Menge Lokalderbys, wie gegen Jülich 1910, TuS Langerwehe oder auch Germania Teveren.

Der Wiederaufstieg wurde nur denkbar knapp verpasst. Es hatte daher den Anschein, als wenn meine Alemannia endgültig von der Fussballkarte verschwinden würde. Erst nach 10 Jahren sollte es dann soweit sein. 1999 gelang die Rückkehr in die zweite Bundesliga. Und es war wohl der grausamste Aufstieg, den man als Fan erleben kann. Unser damaliger Trainer „Mister Alemannia“ Werner Fuchs verstarb beim gemeinsamen Waldlauf mit der Mannschaft. Und das kurz vor dem wichtigen Spiel in Erkenschwick. Eine ganze Region war in tiefer Trauer und man wusste erst einmal nicht, wie es weitergehen sollte.

So wurde das „Aufstiegsspiel“ ein ganz persönliches Erlebnis, als 8.000 Aachener in Erkenschwick ihre Emotionen nur teilweise unterdrücken konnten. Wie konnte man feiern bei solch einer Tragik? Die Aufstiegsfeier verlief dennoch überschwänglich. Die Sehnsucht nach der Rückkehr und den Dank an den Mann, der dieses ermöglicht hatte, ließ sich nicht mehr unterdrücken. Alemannia war schon immer ein Club, in Aachener Mundart „Klömpchensclub“ genannt, der hoch hinaus wollte. So dachte man 2001 über ein neues Stadion nach und war dabei schon am Rande des Bankrotts. Die so genannte „Kofferaffäre“ machte die Runde, Geldverschiebungen am Finanzamt vorbei und vieles weiteres mehr. So musste etwa der neue Präsident samt Gefolgschaft mit der Sammelbüchse durch Aachen ziehen, um die drohende Insolvenz abzuwenden. Hätte man da als Fan nicht schon die Nase voll gehabt?

Alemannia durchschritt jedoch auch dieses Tal und sollte fortan goldene Zeiten entgegen sehen. Mit Jörg Berger als Trainer und Jörg Schmadtke als Sportdirektor wurde quasi mit nichts in der Hand ein neues Team geformt. Nach drei Jahren der Konsolidierung erreichte man 2004 das DFB-Pokal-Finale gegen Werder Bremen und spielte in der Saison als erster deutscher Zweitligist überhaupt sogar im UEFA Cup, in dem man überraschenderweise erst in der dritten Runde gegen AZ Alkmaar ausschied. Als einer von wenigen deutschen Vereinen war Alemannia nun schuldenfrei und 2006 folgte dann nach 36 Jahren der langersehnte Bundesliga-Aufstieg.

Leider stieg man aufgrund hausgemachter Probleme direkt wieder ab. Zwar war man gemeinhin der Meinung, dass die Mannschaft das Zeug gehabt hätte, die Klasse zu halten. Dass man es fast doch geschafft hätte, interessierte nur niemanden mehr. Aus den letzten acht Spielen hätte man nur noch zwei Siege gebraucht. Doch dies sollte nicht passieren. Nun also war man wieder zurück, wo man sich am wohlsten fühlt, in der zweiten Liga.

Mit Guido Buchwald als Trainer wurde daher im Sommer 2007 das „Unternehmen Wiederaufstieg“ gestartet. Doch auch dies endete im sportlichen Fiasko. Mit Jürgen Seeberger wurde ein bis dato unbekannter Trainer geholt, der erstmal richtig aufräumte und der Mannschaft neue Impulse gab. In dieser Saison soll nun alles besser werden, aber Aufstieg? Das will keinem über die Lippen kommen. Dieses Jahr erfreuen wir uns an dem Bau des neuen Stadions. Denn der alte Tivoli wird nach 80 Jahren in Rente gehen, und erlebt die Saison 2008/2009 als seine letzte.Wie man sieht ging es mit dem Verein bergauf und bergab. Hier ein Skandälchen, dort ein bißchen Mauschelei.

Man erinnert sich wie auf Klein-Schalke zu ihren besten Zeiten. Und gerade das ist es wohl, was die Liebe zu diesem, meinem Verein ausmacht. Er ist noch etwas anrüchig, hier und da immer noch amateurhaft und die Fans nicht gerade das was man die Creme de la Creme nennt. Aber sie sind treu ergeben, können Party machen und den Tivoli in einem Hexenkessel verwandeln, wo selbst ein FC Bayern mit seinen ganzen Stars in Ehrfurcht erstarrt.

Hier in Aachen erlebt man eben alles, von total bekloppt bis ausgelassen. So sind wir zwar nicht alle, aber einige eben schon. Und dafür liebe ich diesen Club, der hoffentlich doch noch mal den Sprung zurück in die erste Liga schafft. Dann mit neuen Stadion und anderen finanziellen Voraussetzungen. Heute stehe ich im Block M und erinnere mich manchmal daran zurück, was wohl gewesen wäre, wenn ich 1989 doch etwas anderes gemacht hätte.

Ich war in Berlin beim Pokalfinale, ich konnte meine Alemannia auf der internationalen Bühne bestaunen und den Bundesliga Aufstieg mitfeiern.Das hätte ich mir selbst in meinen kühnsten Träumen nicht ausgemalt und bin froh, dass ich das alles miterleben durfte. Das Schicksal wollte es wohl so und so genieße ich die letzte Saison im alten Tivoli und freue mich auf unsere neue Arena.

Seit Juni 2006 betreibt Klenkes übrigens den Alemannia-Fanblog „Die Kartoffelkäfer“, in dem er kenntnisreich über seine Alemannia mit all ihren positiven und negativen Eigenschaften berichtet.

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