Samstag, 5. Juli 2008

Aufgewachsen in Block 32

Im Gästeblock von THOR WATERSCHEI erzählen Fußball-Fans von ihrem Lieblingsverein. So wie Christian Dülpers, der dort unter anderem über seine Sozialisation im Block 32 am legendären Gladbacher Bökelberg und den leidvollen Erfahrungen als Anhänger der Borussia berichtet.

Ich bin aufgewachsen in Block 32. Dem Anti-Block. Dem Block genau gegenüber der Fankurve, direkt neben den gegnerischen Fans. Dort, wo sich die Gladbacher Rentner trafen, in Erinnerungen an die 70er schwelgten und personellen Änderungen entweder ignorierten, tatsächlich nicht mitbekamen oder nicht mitbekommen wollten. Sie forderten noch 1984 ernsthaft die Einwechslung von Christian Kulik, der bereits seit zwei Jahren nicht mehr für die Borussia spielte.

Unter diesen Umständen wurde ich sozialisiert. Nicht, dass ich eine Wahl gehabt hätte. Ich wurde 2 Kilometer vom Stadion entfernt geboren, und wenn ich nicht in der Südkurve stand, saß ich auf der Bank im Garten meiner Eltern und wartete darauf, dass der Wind den Torjubel aus dem Stadion herübertragen würde. Meine große Schwester ging zu jedem Heimspiel, und meistens nahm sie mich mit. Ich weiß nicht mehr, wann ich das erste Mal am Bökelberg war, ich konnte wahrscheinlich noch kaum laufen.

Meine Erinnerung setzt ein eben 1984. Es war das Jahr, in dem mich meine Schwester in „Rückkehr der Jedi-Ritter" geschmuggelt hatte. Und es war das Jahr, in dem die Borussia mit einem Paukenschlag die Liga schockierte. 10:0. Gegen Eintracht Braunschweig. Dreimal Criens, dreimal Rahn, an einem Freitagabend unter Flutlicht. Gab es bis dahin eine gewisse Wahrscheinlichkeit, dass ich trotz massiver familiärer Einflussnahme nicht Borussia-Fan werden würde, so wurde sie mit diesem Sturmlauf hinweggefegt wie von einem Tornado. Dies war der Abend, nachdem es niemals eine andere Mannschaft mehr geben würde.

Ich wusste nicht viel, aber ich wusste, dass dieser Verein in Zukunft zu allem fähig sein wird. Ich wusste, dass die Borussia das 6-Millionen-DM-Angebot, das PSV Eindhoven für Uwe Rahn unterbreitet hatte, unter allen Umständen ablehnen musste, denn er war der heißeste Stürmer Deutschlands und natürlich Weltklasse. Ich hatte ein Panini-Album und kannte das Gewicht und die Größe aller Spieler und alle Vereine, in denen sie gespielt hatten, bevor sie zur Borussia kamen (Uwe Kamps z.B. nur beim VfR Neuss).

Ein einziges Mal sollte ich noch bestätigt werden, in meinem naiven Glauben. Es war ein lauer Abend im Düsseldorfer Rheinstadion 1985, den ich nur vor dem Fernseher erleben durfte, als die Borussia Real Madrid mit 5:1 nach Hause schickte.
Meine wahre Fan-Karriere begann zwei Wochen später. Als Borussia das Rückspiel im Madrid 4:0 verlor, Uli Sude das entscheidende Tor durch die Beine bekam und Gladbach ausgeschieden war. Anschließend ging es nur noch abwärts, unterbrochen von einem kurzen Zwischenspiel 1993 bis 1995, als am Niederrhein die Viererkette in Deutschland etabliert wurde und Effenberg den Pokal in den Berliner Himmel recken durfte.

Und immer wenn man glaubt, Gladbach hätte die Kurve wieder bekommen, folgt der Frontal-Tritt mitten ins Gemächt, so wie vor zwei Jahren, als selbst der Kicker den Verein als Uefa-Cup-Kandidat handelte, am Ende der Abstieg stand. Die letzte Meisterschaft feierte Mönchengladbach beinahe pünktlich zu meinen 1. Geburtstag. und mich soll der Teufel holen, wenn das meine letzte gewesen sein soll. Statistisch habe ich noch 50 Jahre Zeit. Und eventuell noch ein paar Jahrhunderte in der kryogenischen Froststarre.

In seinem Bolzplatz-Blog bloggt Christian Dülpers übrigens seine Meinung nicht nur zu Borussia Mönchengladbach, sondern auch zum weiteren Geschehen in der Welt des Fußballs.