Sonntag, 25. Mai 2008

For England

Die komplizierte Beziehung des Mutterlands des Fußballs zum Elfmeterschießen und seinen Torstehern sorgt in der der weiten Welt des Fußballs bekanntlich immer wieder für eine gewisse Heiterkeit. Dass diese beiden englischen Vakanzen etwa Ausflusses eines anhaltenden Fluches sind, mit dem der Fußball-Gott England nach Geoff Hursts Wembley-Tor `66 belegte, ist augenzwinkernd gesagt, ja mittlerweile nicht mehr auszuschließen. Dass die Angelegenheit vom Elfmeterpunkt keine besondere englische Neigung ist, bestätigte erst jüngst „Mister Chelsea“ John Terry mit seinem tragischen Ausrutscher im Elfmeterschießen des Champions League-Finales auf dem nassen Rasen des Moskauer Luschniki-Stadions.

Nicht viel besser ist es um die englische Torwartriege bestellt, deren Vertreter wegen ihrer regelmäßigen Fehlgriffe gerne mal auf die Schippe genommen werden. Denn die Tage der legendären englischen Goalies Gordon Banks, Ray Clemence oder Peter Shilton, die sich immerhin alle drei in der von den Experten der IFFHS aufgestellten Rangliste der 20 besten Torsteher des 20. Jahrhunderts wiederfinden, im Kasten der „Three Lions“ ja schon lange gezählt. Wie auch die wechselhafte Karriere von David Seaman, dem man einst des Öfteren bescheinigen musste, mit dem falschen Fuß aufgestanden zu sein. „Seamo“ scheinen aber die dunklen Flecken auf seiner Torwartvita nicht wirklich zu stören, präsentierte er vor ein paar Jahren auf der DVD-Compilation „Goalkeeping Nightmares“ nicht nur seine eigenen schönsten Patzer, sondern auch die seiner Kollegen.

Da gute Torhüter also auf der Insel offensichtlich nicht auf Bäumen wachsen, lässt Englands italienischer Nationaltrainer Fabio Capello derweil nichts unversucht, geeignete Kandidaten für den Platz zwischen den englischen Pfosten zu finden. Signore Capello, der zu eigenen Spielertagen in Italiens „Squadra Azzurra“ noch vor dem großen Dino Zoff verteidigen durfte, richtete, nachdem er sich die englischen Stammkeeper der Premier League etwa an einer Hand abzählen kann, nun sogar den Blick in die drei englischen Profiligen unterhalb der Premier League.

Und siehe da, bei Peterborough United, in der abgelaufenen Saison Vizemeister der viertklassigen Coca Cola League Two entdeckte Capello offenbar einen Rohdiamanten. Dieser heißt ebenso wie der einstige berühmte Boxer Joe Lewis, ist gerade einmal 20 Jahre alt und war mit seinen fulminanten Paraden maßgeblich am Aufstieg des Vereins aus der ostenglischen Grafschaft Cambridgeshire in die drittklassige Coca Cola League One beteiligt. In dieser dürfen sich „The Posh“ und ihr feiner Keeper künftig mit Klubs wie Leyton Orient oder den Tranmere Rovers messen. Sozusagen gecastet hat ihn Capello angeblich bei Lewis überzeugender Premiere im englischen U 21-Team gegen die Junioren aus Wales.

Und nachdem sich unterdessen mit Chris Kirkland von Wigan Athletic einer von zwei Ersatzkeepern hinter Capellos bald 40-jährigem Stammtorwart David James, wegen seiner gelegentlichen Aussetzer liebevoll „Calamity James“ genannt, verletzte, berief Capello überraschenderweise jenen Joe Lewis in seinen Kader für die beiden Länderspiele der „Three Lions“ gegen die USA und Trinidad und Tobago. Lewis ist damit seit Johnny Byrne, der anno 1962 nach einer Menge Toren für das damals drittklassige Crystal Palace nominiert worden war, der erste ins englische Nationalteam berufene Spieler, der bei seiner Nominierung nicht bei einem Verein aus den ersten beiden englischen Ligen unter Vertrag steht.

Am kommenden Mittwoch könnte es daher im Wembley-Stadion gegen die USA womöglich zu Lewis‘sensationellem Länderspieldebüt für England kommen. Vielleicht kann der nicht gerade beneidenswerte Capello dann ja feststellen, bei seiner Goalie-Casting-Tour unterhalb der Premier League fündig geworden zu sein. Denn wer sucht, findet gemäß der alten Weisheit ja schließlich irgendwann.

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