Dienstag, 6. Mai 2008

Die Glorreichste Sieben

Auf der Insel hat gelang mit Stoke City erstmals dem zweitältesten englischen Klub der Aufstieg in die Premier League. THOR WATERSCHEI würdigt aus diesem Anlass dem legendären Stan Matthews, dem wohl größten Kicker in der langen Historie der „Potters“, den die „Times“ einst zum strahlenden Ritter in Fußballstiefeln adelte….

Der große Sir Stanley Matthews gehört auf den ersten Blick wohl gemeinsam mit dem Linksverkehr zu den bekanntesten Errungenschaften Großbritanniens.

Legendär: die Matthews-Finte

Auf dem Rasenrechteck handhabte es Matthews, stets mit der Sieben auf dem Rücken, in seiner Zeit zwischen 1932 bis 1965 dabei wie im Straßenverkehr des Vereinten Königreichs. Links antäuschen und rechts überholen. Die typische Matthews-Finte, meist goutiert mit einem seiner schnellen Antritte - den gnadenlosen britischen Verteidiger blieb meist nichts weiteres übrig als dem davongeeilten Matthews nur noch entnervt hinterherzublicken.

Der Sohn eines Boxers aus Hanley, einem Vorort des mittelenglischen Städtchens Stoke-on-Trent, versprühte als mannschaftsdienlicher Rechtsaußen auf dem rechten Flügel seinen Genius. Matthews war kein wilder Haudrauf, auch kein reiner Torjäger. Matthews glänzte mit filigraner Ballbehandlung und galt in Anbetracht seines kunstvollen Tuns auf den Spielfeldern Britanniens gemeinhin als „Magician“. Matthews verzauberte die Massen genauso, wie heutzutage ein gewisser Robbie Williams, der zweite berühmte Sohn Stokes, die Damenwelt.

„Er war derjenige, der uns lehrte, wie man Fußball spielen sollte.“

Mit den Worten – ein Dribbelkünstler vor dem Herrn – würde man es wohl in den Fankurven dieser Fußball-Welt beschreiben. Die Attribute brillant und bescheiden zeichnen jedoch ein noch weitaus feineres Gemälde von Matthews. Dessen hoher Stellenwert wird unterstrich dereinst der große Pelé , der sagte einmal: „Er war derjenige, der uns lehrte, wie man Fußball spielen sollte.“ Heißt das etwa: Pelé war der brasilianische Matthews und nicht Matthews der englische Pelé ?

Anders als der tragische George Best oder der zuweilen überhitzte Cristiano Ronaldo, Matthews‘ wahrhaftige Erben auf dem rechten Flügel, wahrte „Gentleman“ Matthews sowohl auf und fernab des grünen Rasens stets die Contenance. An verlockenden Pints und Cigarettes machte der übezeugenden Vegetarier jedenfalls einen Schlenker vorbei. Matthews verdribbelte sich auch nicht, nachdem er als erster Fußballer überhaupt in den Ritterstand erhoben wurde, und maß offensichtlich ebenfalls dem ehrwürdigen Schlag von der Queen zum „Commander of the British Empire“ keine übermäßige Bedeutung zu.

Seine Selbsteinschätzung war jedenfalls weiterhin frei von Narzissmus. Sein einfaches Credo: „Hey, it’s Stan.“ Der ritterliche Gentleman in Fußballstiefeln wurde zudem im Laufe seiner langen Karriere weder verwarnt noch vom Platz gestellt. Matthews war also derjenige, von dem sich Gary Lineker die berühmte Scheibe abschnitt.

Denkmal für „Sir Stan“

Es war daher nicht verwunderlich, dass über 100 000 Menschen nach seinem Tod anno 2000 die Straßen von Stoke säumten und „Sir Stan“, der im Alter von 85 Jahren gestorben war, insofern die letzte Ehre erwiesen. Der Fußball verliere seinen strahlenden Ritter, kondolierte seinerzeit die ehrwürdige Times.

Eine letzte Ehre erwies Matthews auch sein Stammverein Stoke City. Denn der Klub setzte seinem Aushängeschild vor dem erst 1997 bezogenen Britannica Stadium, das nach 119 Jahren den altehrwürdigen Victoria Ground ersetzt hatte, ein Denkmal. Eine solche Wertschätzung wurde „Sir Stan“ von den „Potters“ – die Töpferindustrie in Stoke schlug sich auch in dem Namen des Klubs nieder - aber nicht immer erbracht.

Denn im Alter von 32 Jahren hatte Matthews bei Stoke City vorerst ausgedribbelt, da man den vermeintliche in die Jahre gekommenen Rechtsaußen beim zweitältesten Fußballklub der Welt in den Tagen des Jahres 1947 nach 51 Toren in 262 Spielen eher als Relikt aus alten Zeiten ansah. Stoke musterte ihr „Auslaufmodell“ aus und ließen es für schnöde 11.500 Pfund nach Blackpool ziehen. Blackpool, dort hatte „Sir Stan“ im 2. Weltkrieg der Royal Air Force bereits dem Vereinten Königreich bereits als Soldat gedient.

„Auslaufmodell“ wird 1956 Europas erster Fußballer des Jahres

„Du bist nun 32 Jahre alt. Traust Du Dir zu, noch ein paar Jahre zu spielen?“ soll Matthews vor seinem Wechsel in die Küstenstadt an der Irischen See von Blackpools legendärem Manager Joe Smith argwöhnisch gefragt worden sein. Und Smith sollte an der Bloomfield Road an seinem Neuzugang noch seine helle Freude haben. Denn der Wechsel nach Blackpool barg für Matthews eine Ironie seiner Spielergeschichte. Ausgerechnet mit Blackpool 1953 sollte das „Auslaufmodell“ mit dem FA Cup den einzigen Titel in seiner Laufbahn gewinnen .

Es war der bis heute unvergessene 2. Mai 1953, an dem englische Pokalfinale im alten Londoner Wembley-Stadion stieg. Und dieses Endspiel ging schließlich, nachdem das von einem überragenden Matthews angetriebene Blackpool gegen die Bolton Wanderers einen 1:3-Rückstand noch in einen nicht mehr für möglich gehaltenen 4:3-Triumph wandeln sollte, als das „Matthews-Finale“ in die Annalen der englischen Fußballgeschichte ein.

Matthews war zu diesem Zeitpunkt bereits 38 Jahre alt. Drei weitere Jahre später sollte er jedoch neben der Erhebung in den Ritterstand seine persönlich größte Ehrung als Fußballer erfahren, als „Sir Stan“ 1956 von der französischen Zeitschrift France Football zu Europas ersten Fußballer des Jahres gekürt wurde und damit als erster Kicker überhaput den Goldenen Ball erhielt .

Abschied mit ehrwürdigen 50 Jahren

Zum alten Eisen zählte Matthews somit auch im Alter von 41 noch nicht. Erst mit erhabenen 50 Jahren sollte er schließlich nach einer zwischenzeitlichen Rückkehr zu Stoke City und seinem Abschiedsspiel am Victoria Ground im April 1965 gegen eine Equipe um Lew Jaschin, Ferenc Puskas und Alfredo di Stefano seine Stiefel sowie seinen Dress mit der Sieben an den berühmten Nagel hängen. Er sei zu früh zurückgetreten, bedauerte er noch nach seinem „Testimonial“ seinen Abschied. Matthews Bedauern hatte insofern prophetische Züge.

Denn er trat ein Jahr, bevor England im Sommer '66 in dem denkwürdigen Wembley-Finale gegen Deutschland zum ersten und bisher einzigen Mal eine Fußball-Weltmeisterschaft gewinnen sollte, ab. Die „Rüstung“ der englischen Nationalmannschaft hatte der ritterliche Matthews bis dahin nach 54 Länderspielen aber schon lange abgelegt.

Gleichwohl ist er mit 42 Jahren, neun Jahre vor dem englischen Gewinn des World Cups abgetreten, der älteste Spieler, der je die drei englischen Löwen auf seiner Brust trug. Dennoch hat Sir Stan“, diese wohl glorreichste Sieben der Welt des Fußballs, diese viel zu früh verlassen. Am 1. Februar wäre Sir Stanley Matthews 93 Jahre alt geworden und sicher stolz auf seine tapferen Nachfahren gewesen.

Der Artikel ist ebenfalls auf Goal.com veröffentlicht.

1 Kommentar:

calvin hat gesagt…

Super Feature! By the way: In der Pitch Invasion von Stoke City ist die lange Wartezeit explodiert:

www.fanartisch.de/news/wenn-alle-damme-brechen-die-pitch-invasion-zu-stoke-citys-aufstieg/