Mittwoch, 2. April 2008

My Fortuna Köln

Der deutsche Traditionsverein Fortuna Köln galt lange als der „Ewige Zweitligist“. Mittlerweile ist der Pokalfinalist von 1983 jedoch nur noch fünftklassig, soll aber künftig dank der Mitbestimmung seiner Fans zu neuen Höhepunkten in seiner Vereinsgeschichte geführt werden. THOR WATERSCHEI über die deutsche Abwandlung des englischen Fünftligisten Ebbsfleet United, der bekanntlich via Internet schon von seinen Fans regiert wird.

Sich einmal wie der bereits verstorbene Jean Löring als Chef von Fortuna Köln fühlen? In Zukunft dank der Errungenschaft des Mitmachinternets Web 2.0 dem Anschein nach kein Problem mehr. Man muss dann ja nicht gleich den großen Toni Schumacher als Trainer verpflichten und irgendwann einmal in der Halbzeitpause wieder vor die Tür setzen. Aber Spaß beiseite, auch der normale Fußball-Fan kann demnächst möglicherweise über Wohl und Wehe von Lörings ehedemen Lieblingsklub Fortuna Köln, bei dem sich einst auch mit Bernd Schuster (Foto) der heutige Trainer von Real Madrid als Trainer versucht hat, via Internet mitbestimmen.

Wortmann Initiator des deutschen Ebbsfleet United

Vornehmlich verantwortlich dafür ist der Regisseur Sönke Wortmann, der bekanntlich unter anderem den deutschen WM-Film „Deutschland - Ein Sommermärchen“ oder „Das Wunder von Bern“ drehte und mit der Fortuna, die stets im Schatten des großen FC stand, offenbar selbst Großes vor hat. Denn der mittlerweile in die fünfte Liga, die Verbandsliga Mittelrhein, abgerutschte „Ewige Zweitligist“, der noch immer Tabellenführer der ewigen Tabelle der 2. Bundesliga ist, steht dank der Initiative von Wortmann vor einer Metamorphose zur deutschen Ausgabe von Ebbsfleet United (→ My Ebbsfleet United). Dies ist jener englischer Fünftlist, der von seinen Anhänger über das World Wide Web regiert wird.

„Fortuna hat eine Seele, eine riesige Jugendabteilung und ein gutes Umfeld“, beschrieb im Übrigen Initiator und Ex-Kicker Wortmann, dessen Idee bei seinem Ex-Klub SpVgg Erkenschwick auf taube Ohren gestoßen war, die Wahl zugunsten des Traditionsvereins aus der Kölner Südstadt.

Mitbestimmung für jährlich 39,95 Euro

Bei Fortuna Köln können nun künftig neben Wortmann, der Mitglied Nummer eins sein wird, potenzielle Interessenten und Fans für die jährlich zu entrichtende Gebühr von 39,95 Euro ein Mitbestimmungsrecht an dem Pokalfinalisten von 1983 erwerben. Registrieren müssen sie sich dafür auf der Internetseite deinfussballclub.de. Bislang wurde dabei die Marke von insgesamt etwa 30.000 Anteilseignern angepeilt, um die gute alte Fortuna, die Anfang der siebziger Jahre für ein Jahr Bundesligaluft schnupperte und sich derzeit mit Hennef 05 oder den Sportfreunden Troisdorf misst, auch nach dem Ableben von Mäzen Löring zu neuem Leben erwecken.

Nach Angaben der Tageszeitung Die WELT wird übrigens, so lange die Marke nicht erreicht ist, keine Gebühr eingezogen, die Teilnehmer bekommen aber schon mal den Newsletter und eine Mitgliedsurkunde. Ab dem 30.000. Mitglied soll dann eine Spielbetriebs-GmbH gegründet werden, an der der Verein 51 Prozent Anteile hält, die Fans 49 Prozent, die dann überdies ab diesem Zeitpunkt in die Entscheidungen des Vereins eingebunden werden.

Die User sollen weiter im Gegensatz zum englischen Vorbild die Funktion eines Assistenten von Fortuna-Trainer Matthias Mink ausüben, dem die endgültige Entscheidung über die Mannschaftsaufstellung vorbehalten bleibt. Allerdings sind sie einflussreicher in Bezug auf die Stadionmusik, etwaige Testspielgegner und dürfen überdies innovative Transfervorschläge machen. Wenn man so will, könnten Fortunas prominente Ex-Trainer wie jener Bernd Schuster oder Toni Schumacher also bei der Fortuna nochmals zum Co-Trainer avancieren.

Fortuna Köln: neu und stark?

Inwiefern indes die von Fortuna Kölns langfristig anvisierte Rückkehr in das deutsche Unterhaus mit diesem multimedialen Mitbestimmungssystem beschleunigt wird, lässt sich hier sich schwerlich beurteilen. Nicht bekannt ist natürlich ebenfalls, ob sich, mit einem zwinkernden Auge gesagt, der früher bei der Fortuna schier allmächtige Löring, in Kölner Mundart einfach De Schaeng genannt, wegen der zu seinen Lebzeiten revolutionären Vorgänge hinsichtlich der Mitbestimmung in seinem Grabe auf dem Südfriedhof im Kölner Stadtteil Zollstock umdrehen wird.

Aber immerhin scheint man es ja gut mit seiner Fortuna zu meinen. Lörings legendärer Satz nach dem unvergessenen Halbzeit-Rauswurf von Toni Schumacher im Dezember 1999, dass Löring als Verein reagieren musste, dürfte nach der überstandenen Metamorphose seiner Fortuna von der Bedeutung her sicher eine ganz andere Dimension erlangen. Glaubt man dem derzeitigen Slogan von Fortuna Kölns Homepage haben die besseren Zeiten für den aktuellen Tabellenfünften der Verbandsliga Mittelrhein schon angefangen. Dort heißt es ebenso kurz und knackig wie selbstbewusst: Fortuna Köln - neu und stark...

Der Artikel ist ebenfalls in der Globetrotter-Serie auf Goal.com veröffentlicht.