Mittwoch, 16. April 2008

Hargreaves startet durch

Dass Owen Hargreaves anfangs das englische Nationaltrikot mit den drei Löwen auf der Brust trug, war für Englands gemeinen Fußballfan lange Zeit schon ein recht kurioses Bild.

Hargreaves am Pranger

Der aus Kanada stammende Mittelfeldspieler mit der braunen Lockenpracht, der aufgrund der Herkunft seiner Mutter auch für den in England nicht sonderlich beliebten Nachbarn Wales hätte auflaufen können, musste als sogenannter „Legionär“, der zwar Länderspiele für das Mutterland des Fußballs bestritt, aber bis August 2007 kein einziges Profispiel für einen englischen Klub absolviert hatte und darüber hinaus noch beim ebenfalls ungeliebten deutschen Rekordmeister Bayern München seine Brötchen verdiente, einiges durchmachen.

Beispielsweise als Hargreaves im englischen Auftaktspiel bei der WM 2006 in Deutschland in der Frankfurter Commerzbank gegen Paraguay eingewechselt wurde, begrüßten die aus allen Ecken Englands angereisten Fans den Mittelfeldspieler gar nicht gentlemenlike mit nicht zu überhörenden Buhrufen. Der kaum geachtete Hargreaves im englischen „World Cup Squad“ musste sich sogar vom gnadenlosen Boulevardblatt Daily Mirror bezüglich seiner Nominierung für jene WM ernsthaft fragen lassen, ob er wohl nur im Kader sei, weil er ein schmutziges Geheimnis von Englands damaligen Nationaltrainer Sven-Göran Eriksson kenne.

„Hunt the Hargreaves“

Das andere große englische Revolverblatt „The Sun“ blies im Zuge der medialen Hargreaves-Hetze ins gleiche Horn und stellte den Hargreaves, dessen Eltern Anfang der 80er Jahre aus Großbritannien nach Kanada ausgewandert waren, ebenso an den öffentlichen Pranger. „Hunt the Hargreaves“ nannte die „Sun“ ihren Artikel, in dem sie von ihren Lesern wissen wollte, ob es tatsächlich auf der Insel Anhänger des damaligen Münchners existierten.

Spätestens seit dieser für England unglücklich verlaufenen Weltmeisterschaft wird allerdings zahlreiche Sympathisanten des mittlerweile 27-Jährigen geben. Denn Hargreaves befreite sich in einer englischen Truppe um ausgelaugt auftretende Stars wie jene Gerrards, Terrys, Lampards und auch Beckhams mit seinen mitreißenden Auftritten von jenem Pranger, spielte sich sozusagen ins Fußballherz des fußballerischen Mutterlandes und avancierte letztlich gar zum englischen Fußballer des Jahres 2006.

WM 2006 weckt Begehrlichkeiten

Das weckte in der englischen Premier League freilich Begehrlichkeiten, so dass kein Geringerer als Sir Alex Ferguson Hargreaves schließlich im Sommer 2007 für stolze 25 Millionen Euro nach Manchester lotste. „Fergie“ hatte anscheinend an dem zweikampfstarken Energiebündel mit der technischen Raffinesse, die ehedem ein gewisser „Kaiser“ Franz Beckenbauer mit dem Satz adelte, dass wenn er Hargreaves am Ball sehe, ihm sein Herz aufgehe. Ähnlich wie im englischen Nationalteam benötigte Hargreaves, der bei ManU die Rückennummer vier vom Argentinier Gabriel Heinze erhielt, in Manchester indes eine gewisse Anlaufzeit.

Es können ihm zwar inzwischen skeptische Zeitgenossen nicht mehr nachsagen, dass er für einen englischen Klub noch kein Profispiel bestritten habe. Jedoch neigt sich, Hargreaves‘ Debütsaison allmählich dem Ende zu. ManU steht in dieser wenige Spieltage vor Toreschluß in der Premier League vor der Titelverteidigung und hat ebenso in der Champions League beste Chancen den begehrten silbernen Landesmeisterpott Mitte Mai in Moskau hochzustemmen.

Jene skeptische Zeitgenossen dürften nun jedoch mäkeln, dass Hargreaves mit rund 20 Ligaeinsätzen für ManU bestritten und ebenso mit seinen fünf Partien in Europas Königsklasse noch keine Bäume im roten United-Dress ausgerissen habe. Gleichwohl hat der zu Anfang lange Zeit von Verletzungsproblemen geplagte „Kämpfer“ Hargreaves nun sozusagen rechtzeitig zum Saisonfinish anscheinend den Weg in Sir Alex Fergusons erste Eleven gefunden.

Hargreaves startet durch

Der Schotte staunte nicht schlecht, als er einen wie aufgedreht wirkenden Hargreaves im Viertelfinalrückspiel in der Champions League gegen den AS Rom auf der Position des geschonten Ronaldo wirbeln sah und sich neben einigen spektakulären Aktionen auch über dessen Maßflanke zum Siegtreffer von Tevez freuen durfte. Die Fahrkarte ins anvisierte Halbfinale war hiernach endgültig für die „Red Devils“ gelöst. Im vorentscheidenden Spitzenspiel der 34. Premier League-Runde legte Hargreaves sogar noch sehenswert nach.

Arsenal London gastierte am vergangenen Samstag im Old Trafford, lieferte sich mit der Ferguson-Elf ein wahrliches Topspiel und kämpfte verzweifelt um seine letzte Meisterschaftschance. Adebayor hatte Arsenal in Führung gebracht, Ronaldo per verwandelten Handelfmeter ausgeglichen. Es sollte schließlich bis zur 72. Minute dauern, ehe sich Hargreaves den Ball bei einem Freistoß sorgsam zurecht legte, diesen sodann filigran über Arsenals Mauer zirkelte, damit den machtlosen Jens Lehmann in Arsenals Gehäuse überwand und für Manchesters Siegtreffer sorgte.

Manchesters Chancen auf die Titelverteidigung sind mit einem satten 5-Punkte-Polster auf seinen letzten Verfolger Chelsea wie schon zuvor erwähnt größer denn je und der gute Owen Hargreaves hat somit spätestens seit vergangenem Samstag sogar seinen eigenen kleinen Anteil daran und seine Kritiker wohl abermals Lügen gestraft zu haben. Hargreaves scheint spät im Old Trafford angekommen zu sein, startet aber scheinbar noch im richtigen Moment durch.

Der Artikel ist ebenso auf Goal.com zu finden.

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