Donnerstag, 10. April 2008

Auf nach Aserbaidschan

Berti Vogts ist neuer Nationaltrainer von Fußball-Zwerg Aserbaidschan und leistet am kommenden Sonntag in der Kaukasus-Republik seinen Antrittsbesuch ab. Aus diesem Anlass lässt THOR WATERSCHEI Revue passieren, wie der bodenständige Vogts unerwarteterweise zum Weltenbummler avancierte…

Dass Hans-Hubert Vogts, der zumeist einfach nonchalant Berti genannt wird, irgendwann einmal in seiner Spielerkarriere, geschweige denn in seiner sich anschießenden Trainerlaufbahn, einmal zum Weltenbummler avancieren könnte, hätte man wohl kaum vermutet.

Vom Bundes-Berti zum McBerti

Ein Kickerleben lang als bissiger „Terrier“ auf der rechten Abwehrseite und überaus erfolgreich stets brav im Dienste von Borussia Mönchengladbach sowie fast einhundert Mal im Dress des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) unterwegs – da schienen eigentlich Bodenständigkeit und Kontinuität die richtigen Etiketten für den gelernten Werkzeugmacher aus dem niederrheinischen Büttgen zu sein.

Seitdem der von den deutschen Medien oft sehr kritisch beäugte Vogts allerdings vor etwa zehn Jahren nach einem Ende mit Schrecken aus dem aktiven Trainerdienst des DFB schied, tauchte der Weltnationaltrainer von 1996, der Deutschland im selben Jahr zum Europameistertitel führte, in die weite Welt des Fußballs ein. Über wenig erfolgreiche Stippvisiten als Bundesligacoach bei Bayer Leverkusen und als Nationaltrainer Kuwaits, avancierte Vogts Anfang 2002 in Schottland zum „McBerti“.

Nennenswert erfolgreich war er dort nicht, verpasste er mit den wenig spielfreudigen Schotten speziell die Qualifikation für die Euro 2004 und musste diese vor allem erst einmal bekehren, die eigene Nachwuchsarbeit voranzutreiben, damit auch in späteren Jahren schlagkräftig fightende „Bravehearts“ über die Spielfelder Europas rennen. Richtig gute Resultate blieben sodann freilich auch in der beginnenden Qualifikation für die WM 2006 aus, was so langsam die schottischen Fans auf die Palme trieb, die ihn laut Vogts wegen ständiger Schmähungen, die auch seine Privatsphäre betrafen, sozusagen aus dem Amt geekelt hätten.

„Nagelprobe Nigeria“ misslingt

Dass die Schotten inzwischen zumindest in Europa wieder eine Rolle spielen, darf sich Vogts aber durchaus auf die Fahnen schreiben, warf er in seiner Amtszeit doch eine Vielzahl der schottischen Talenten wie etwa Manchester United-Star Darren Fletcher, die ihrem Heimatland zuletzt so viel Freude bereitet haben, ins kalte Wasser und so legte das Fundament für eine erfolgreiche Zukunft der schottischen Nationalelf.

Nach dem schottischen Abenteuer absolvierte Vogts ab Januar 2007 seine sogenannte „Nagelprobe Nigeria“, bei der er die hochbegabten „Super Eagles“ zu neuen Höhenflügen führen sollte. Auf die sollten er und seine drei Assistenten Uli Stein, Icke Häßler und Steffen Freund aber lange warten.

Nicht nur, dass Nigerias Kicker offenbar nicht so wie ihr stark auf Disziplin setzender Trainer aus Deutschland wollten, was wohl zum frühen Aus im Viertelfinale des Afrika-Cups im abgelaufenem Februar in Ghana bedeutete. Ebenso stand Vogts auch mit der nigerianischen Presse auf Kriegsfuß, die dem einstigen Bundes-Berti offensichtlich nach etlichen Scharmützeln nicht mehr die Butter auf dem Brot gönnte. Letztlich ließ er sich diese aber nicht mehr vom Brot nehmen und schmiss hin.

Nun wird Vogts also die Nationalmannschaft von Fußball-Zwerg Aserbaidschan übernehmen und darf sich in der anstehenden WM-Qualifikation auf ein Wiedersehen mit Deutschland freuen. Große Hoffnungen auf eine Teilnahme an der WM-Endrunde trotz großer Euphorie in der Kaukasus-Republik nach Bekanntwerden der Vogts-Zusage, machte sich der Realist aber nicht gerade. Was die WM-Chancen angehe, solle man lieber Lotto spielen, so Vogts.

Vielmehr stehe er davor, im aserbaidschanischen Fußball Basisarbeit zu leisten und neue Strukturen zu installieren. „Wir werden in erster Linie lernen und nebenbei versuchen, die anderen etwas zu ärgern“, kündigte er dabei vorsichtig an. Nicht verwunderlich diese Haltung angesichts des derzeitigen Zustands in der aserbaidschanischen Fußball-Landschaft. Denn speziell eigene fußballerische Helden besitzt Aserbaidschan, der aktuelle 119. der FIFA-Weltrangliste, weder noch wurden welche in der ehemaligen Sowjet-Republik bislang hervorgebracht.

Auf den Spuren Tofik Bahramovs...

Der bekannteste Protagonist aus dem Land vom Kaspischen Meer ist da noch wohl ein gewisser Tofik Bahramov, der als Linienrichter des WM-Finales von 1966 England gegen Deutschland das legendäre Wembley-Tor zusprach, und nach dem in Aserbaidschans Hauptstadt Baku mangels weiterer „Heroen“ das Nationalstadion benannt wurde. Die erhofften Wunder dürfen von Vogts, der am kommenden Sonntag, den 13. April, seinen Antrittsbesuch in Baku ableistet, daher wohl nicht wirklich erwartet werden.

Aber die haben ja schon früher auf dem Spielfeld ohnehin stets andere vollbracht. Vielleicht schon eher einen Aufbau einer schlagkräftigen Truppe wie in Schottland. Nimmt das zunächst für 20 Monate geplante Gastspiel jedenfalls für Vogts ein ebenso jähes Ende wie in Nigeria und Schottland, darf die Frage wohl sicher erlaubt sein, wo es den „Globetrotter“ dann noch in der weiten Welt des Fußballs hinziehen wird.

Englands dritte Liga wäre, mit einem Augenzwinkern gesagt, möglicherweise eine Option, ist dort doch der aus der nordenglischen Grafschaft stammende Traditionsklub Huddersfield Town zu Hause, der zufälligerweise auf den Spitznamen „The Terriers“ hört. Würde ja gewissermaßen zu dem einst gefürchteten „Terrier“ vom Niederrhein passen. Aber zunächst heißt es für ihn: Auf nach Aserbaidschan!

Dieser Artikel ist ebenso in der Globetrotter-Serie auf Goal.com veröffentlicht.

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