Mittwoch, 12. März 2008

Nur ein Augenblick

Im Gästeblock von THOR WATERSCHEI erzählen Fußball-Fans von ihrem Lieblingsverein. Heute beschreibt André Zechbauer die magischen Momente, in denen er erstmals jenem Fußballverein begegnete, dem er noch heute die Treue hält - dem FC Bayern München.

Etwas verschwommen habe ich die Szenerie in Erinnerung, und letztendlich ist sie auch eher symbolischen Charakters, als dass es hier um Details ginge: Sie lächelte mir von der anderen Straßenseite im Vorbeigehen zu, und ich versank für einen kurzen Augenblick in ihren brauen Augen. Mein Herz pochte auf ein Mal wie verrückt, und wenn ich es nicht schon längst war, dann verliebte ich mich spätestens in diesem Moment in dieses bildhübsche Mädchen. Sie war die Schwester eines Schulfreundes, und ich war ihr schon ein paar Mal zuvor begegnet. Dieser Moment hat sich in meinem Gedächtnis verewigt. Ich muss so sieben oder acht Jahre alt gewesen sein.

Nicht, dass ich mich danach nie wieder verliebt hätte, oder dass ich heute wüsste, wo sie lebt und was sie macht – es war nur dieser kurze Moment, ein Blick, ein Lächeln, ein Augenblick im Leben eines kleinen Jungen, den er nicht mehr vergessen konnte, und dessen Romantik mich heute noch einfängt, wenn ich zurückdenke. Es war das erste Mal, dass ich so etwas empfand. Meine erste Verliebtheit.

So wie dieser verschwommene Moment, diese vergilbte Fotografie des Gedächtnisses, war auch meine erste Begegnung mit dem Fußballverein, dem ich bis heute die Treue halte. Ich kann nicht mehr erklären, was es war – die Farbe der Trikots, das Vereinsemblem, ein bestimmter Spieler, der Kommentar eines Sportreporters im Radio – das mich so vereinnahmte. Vermutlich war es nur der richtige Augenblick – einer, der sich unauslöschlich einprägte. Ein kurzer Moment, der reicht um sich zu verlieben. Und dass es für die Ewigkeit sein sollte, war mir irgendwie von Beginn an vollkommen klar.

In Köln geboren, in Leverkusen aufgewachsen, kann ich nicht behaupten einen lokalen Bezug zum FC Bayern München – ja so heißt er, mein Verein – gehabt zu haben. Aber man kann sich auch über Stadtgrenzen hinaus „verlieben“, oder? Ich hatte kein Fan-Vorbild dem ich nacheiferte, niemand in meiner Familie mochte diesen Klub. Während mein Cousin die Gladbacher Borussia liebte, sein bester Kumpel den KSC favorisierte, lauschte ich mit den beiden gebannt den Rundfunkreportagen an Samstagnachmittagen. Meine Faszination begann erst mit den Live-Berichterstattungen über den FCB – ich lauschte dieser mir noch fremden Welt ungefähr so gebannt, wie ich stundenlang in die Augen dieses Mädchens auf der anderen Straßenseite hätte starren können. Irgendwann kamen dann die Momente des ersten Stadionbesuchs, des ersten Bayern-Heimspiels, der ersten Auswärtsfahrten, des ersten Europa Cup-Finals – allesamt so aufregend wie erste Dates.

Aus einem gewissen Pragmatismus heraus wurde ich dann eines Tages Mitglied meines Fußballklubs, und bin es mittlerweile schon über zwanzig Jahre. Heute hat das Ganze etwas von Verheiratet sein. Ich kenne diesen Klub, seine Marotten und Launen, seine Stärken und Schwächen. Ich kann voraussehen und lesen, was passieren wird – irgendwann im Laufe der Jahrzehnte entwickelt man ein Gefühl dafür. Krisen und Höhepunkte gehören genauso dazu, wie auch die steten Anfeindungen derer, die sich in Andere verliebten.

Ich nehme mir immer noch Zeit für meine Fußballdame, leide während ihrer schwachen Phasen, jubiliere in ihren starken Momenten. Alles wie bei einer richtigen Ehe. Nur scheiden lassen kann ich mich nicht. Diese Verbindung war vom ersten Augenblick eine fürs ganze Leben.

André Zechbauer betreibt übrigens den überaus lesenswerten Blog Cox Orange - Ohne Filter (→http://www.cox-orange.blogspot.com/).