Samstag, 24. November 2007

Wir sind die Guten!

Im Gästeblock von THOR WATERSCHEI erzählen Fußball-Fans von ihrem Lieblingsverein. Den Auftakt macht Nils Reschke, dessen Herz für Werder Bremen schlägt und der Dank der Diegos, Micouds, Ailtons , Wynton Rufers und wie sie alle heißen die „perfekte personifizierte Gänsehaut“ erhält ...

Diese Frage muss ich mir häufig anhören. Wie wird ein Münsterländer, der zudem über die niederländische Grenze in Rijkaard-Manier spucken könnte, Werder-Fan? Da gäbe es doch Preußen Münster. Eben drum! Irgendwo zwischen Regional- oder Oberliga sein Herz auszuschütten, dafür war es mir als kleiner Junge instinktiv zu schade. Direkt in der Nachbarschaft spielt zwar Twente Enschede sogar Erstliga-Fußball. Aber wachst ihr mal „vlak bij“ Holland auf. Da würden Onkel und Tante bei jedem Kaffeeklatsch das gute Käse-Sahne-Stück im Hals hängen bleiben. „Nils fährt mit dem Rad jetzt immer nach Enschede – zum Fußball!“ Ne, lass mal!

Wieso, weshalb, warum also? Zarte Tuchfühlung zu den Grün-Weißen nahm ich auf, als Rudi Völler dort noch auf Torejagd ging. Und zwar nicht von schlechten Eltern. Auf dem Bolzplatz, ja die gab es wirklich mal, kickten wir jede freie Minute. Dann aber ging Rudi – genau genommen, er war im Begriff, sich zum AS Rom zu verabschieden. Wenn ich es mir recht überlege: Im Mittelstürmer mit der Nummer neun liegen die Wurzeln dieser Liebe. Und dank des FC Bayern – ja, richtig gelesen – flammte diese Leidenschaft erst so richtig auf. Das muss ich ob der Dramatik nun wohl so erzählen. Schließlich bin ich am 28. Mai 1975 geboren, jenem Tag, an dem die Münchner den Europapokal der Landesmeister feierten.

Doch tatsächlich: Die Bilder von Holzfäller Augenthaler, Rudis Sturzflug und seine Verletzung fast für den Rest der Saison 1985/86 haben sich in mein Hirn gebrannt. Am vorletzten Spieltag kehrte Völler zurück, wurde gegen die Bayern kurz vor dem Abpfiff eingewechselt und holte prompt gegen Sören Lerby einen Handelfmeter raus. Und dann Kutzop, immer wieder Kutzop. Klatsch, an den Pfosten! Als die Bayern eine Woche später den Bremern doch noch die Butter vom Meisterbrot nahmen, saß ich vorm Fernseher. Die gute, alte Sportschau, Karl „Knallgöwers“ Schüsse mitten ins Werder-Herz. Diese derart hochnäsige und arrogante Art und Weise, diese nun wirklich hässlichste Salatschüssel der Welt zu feiern wie es die Bayern taten, war mir selbst als kleiner Junge zuwider.

Sicher: Ich hätte mich noch entscheiden können. Für Udo und Uli, gegen Otto und Willi. Aber es war so, als hätte mir Rudi Völler zum Abschied höchst persönlich diesen Brief in die Hand gedrückt, den wohl jeder Teenager einmal zwischen die Finger bekommt. „Willst Du mit mir gehen? Kreuze an: Ja – Nein – Vielleicht“. Ohne auch nur mit den Wimpern zu zucken griff ich den imaginären Bleistift und setzte neben dem Kreuz bei „Ja“ auch noch drei dicke Ausrufezeichen!!! Selbstverständlich wollte ich. Bereut habe ich es nie. Werder Bremen bietet auch 20 Jahre später keinen Platz für Langeweile – sehr wohl aber für Emotionen. Rune Bratseth, Kiwi Rufer, Andi Herzog, die Weser-Wunder, Ailton, Micoud und jetzt Diego. Ich hab sie kommen und gehen gesehen. Ein Sammelsurium für die perfekte personifizierte Gänsehaut.

Als Journalist und Autor ärgere ich mich nur, dass nicht mir selbst diese Worte schon längst eingefallen sind. So bleibt mir nur, den geschätzten Kollegen Zeigler – seines Zeichens auch Stadionsprecher im Weserstadion – zu zitieren: „Nicht jeder Mensch mag Werder Bremen. Aber fast jeder Fußballinteressierte in Deutschland honoriert, respektiert und/oder mag das, was hier passiert. Und wisst Ihr warum? Weil wir die Guten sind!“

Nils Reschke ist Chefredakteur der deutschen Seiten von Goal.com und arbeitet als Freier Journalist und Autor in Gronau.

P.S.: Nur einmal noch habe ich „Ja“ angekreuzt. Aber ich verspreche hoch und heilig: abseits des grünen Rasens. Und dafür würde ich mir selbst das Trikot wie beim Torjubel über meinen gestählten Body ziehen und die Gelbe Karte in Kauf nehmen. Danke, dass Du diesen ganzen Irrsinn mitmachst. Werder kann auf Diego nicht verzichten. Für mich bist Du meine kleine Diega!