Freitag, 7. September 2007

Wales bleibt Wales

Wenn Deutschland auf die Britischen Inseln reist, um eines der vier britischen Landesteile auf dem Rasenrechteck einzunehmen, sind die Erinnerungen zwiespältig. Ein Remis aus Schottland und dem Hampden Park in Glasgow mitzunehmen ist ebenso ein Erfolg wie im Windsor Park in Belfast bei den Nordiren zu siegen.

Über die historische Bedeutung von Triumphen in England, insbesondere wenn wie zuletzt im Wembleystadion in London errungen werden, sei es das alte oder halt nun im hochmodernen Neubau des Fußballs-Tempels, braucht man nicht lange zu diskutieren. Muss die deutsche Nationalelf indes nach Cardiff, in die Hauptstadt der walisischen Provinz, reisen, weicht die Euphorie errungener Triumphe auf englischen Boden schnell.

In Wales ist nicht leicht Kirschen essen

In diesen Zusammenhang zu konstatieren ist schlicht und einfach: In Wales war für Deutschland, den dreimaligen Welt- und Europameister, in beinahe jeder so genannten Bundestrainer-Ära, in der der Beckenbauers, der Vogts und Völlers, nicht leicht Kirschen zu essen. In Wales zu gewinnen, das heißt, etwas martialisch ausgedrückt, das kampfstarke Wales zu erobern, war stets recht schwer.

Damit haben die Waliser insoweit bereits allein aus ihrer Landesgeschichte bezüglich ihrer englischen Nachbarn Erfahrung. Ein Überbleibsel davon ist sicherlich die im walisischem Volk weitgehend gesprochene kymrische Sprache, die aus dem Millenium Stadium, das von der UEFA seinerzeit mit fünf Sternen ausgezeichnete walisische Wembley, das Stadiwm y Mileniwm macht.

Im historischen Rückblick angelangt waren die DFB-Kicker bislang siebenmal in ihrer Länderspielgeschichte in Wales und bei fast jedem außer einem ihrer Gastspiele im Westen der britischen Insel in Cardiff zu Gast. Bis 1989 war Deutschland auf walisischem Boden nach einem Remis 1968, zwei Siegen in den Siebzigern sowie einem torlosen Unentschieden in der WM-Qualifikation für die später erfolgversprechende Endrunde in Italien sogar noch ungeschlagen.

Als Berthold Rot sah und Effenberg debütierte...

Das änderte sich jedoch an jenem Abend des 5. Juni 1991 im altehrwürdigen Ninian Park, der Heimat des in der zweiten englischen Liga ansässigen walisischen Klubs Cardiff City, bei dem namhafte Sturmveteranen wie Robbie Fowler und Jimmy Floyd Hasselbaink mittlerweile auf Torejagd gehen.

An diesem warmen Juniabend in der nach dem im Ersten Weltkrieg gefallenen walisischen Kriegshelden Lord Ninian benannten Arena, wo die schottische Trainer-Legende Jock Stein anno 1985 infolge eines Herzinfarkts als schottischer Nationalcoach auf der Trainerbank tragisch verstarb, wusste nicht nur Thomas Berthold sich 1991 die zweite Rote Karte seiner Nationalmannschaftskarriere und damit eine beinahe dreijährige Verbannung durch den seinerzeit gestrengen Bundestrainer Hans-Hubert Vogts aus dem Trikot mit dem Bundesadler einzuhandeln.

Neben Bertholds Roter Karte setzte es für die Vogts-Schützlinge an diesem Abend, als ein gewisser Stefan Effenberg sein Nationalmannschaftsdebüt „feierte“, durch die vom walisischem Goalgetter vom FC Liverpool, Ian Rush, herausgeschossene 0:1-Pleite in Wales die erste Niederlage seit dem WM-Triumph anno 1990 in Rom. Im nächsten Schlagabtausch vier Jahre später sollte sich eine von Jürgen Klinsmann angeführte DFB-Elf indessen für diese Niederlage zwar revanchieren und gar einen Rückstand in einen Sieg umwandeln.

Robbie Earnshaws Premierenfeier

Kurz vor der WM-Endrunde 2002 in Japan und Südkorea ließ es jedoch eine mittlerweile von Teamchef Rudi Völler trainierte deutsche Elf gegen das kampfstarke walisische Ensemble um ihren Star Ryan Giggs sowohl an Einsatz und Gefährlichkeit im neugebauten Millenium Stadium vermissen, mit der ernüchternde Folge, dass ein gewisser Günter Netzer für eine deutsche Equipe in derartiger Verfassung kaum Perspektiven für die anstehenden WM-Partien in Asien erkennen wollte.

Den Siegtreffer an jenem regnerischen Maitag in Cardiff erzielte im Übrigen der gute Robert Earnshaw, der damals seine Länderspielpremiere mit diesem von Ryan Giggs aufgelegtem Tor kurz nach der Halbzeit krönte. Im Gegensatz zu dem aus Wales‘ Nationalmannschaft inzwischen zurückgetretenen Giggs ist Earnshaw am Samstag abermals mit von der Partie gegen Deutschland.

Mit Torwart Jens Lehmann und Innenverteidiger Christoph Metzelder wird Earnshaw sich aber ausgerechnet mit den beiden Übriggebliebenen jenes 14. Mai 2002 auseinandersetzen müssen. Aber selbst wenn der flinke und schussgewaltige Earnshaw von Derby County wirkungslos bleiben sollte, der walisische Boden wird für die Deutschen wohl erneut schwerlich zu erobern sein. Wales bleibt halt Wales…

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