Mittwoch, 5. September 2007

Kick it like Giggs

Es war ein sonniger Abschied für Ryan Giggs an jenem 2. Juni diesen Jahres, als Giggs zum 64. und letzten Mal stolz den walisischen Drachen auf der Brust des roten Nationaltrikots seines Heimatlandes trug.

Giggs: Standing Ovations zum Abschied

Die Sonne von Cardiff, seiner Geburtstagsstadt, brannte unentwegt aus das Spielfeld des Millenium Stadiums, in dem Wales den favorisierten Tschechen an diesem Tage in der EM-Qualifikation immerhin ein Remis abknöpfte und in dem sich die Zuschauer Mitte der zweiten Hälfte von ihren Sitzen erhoben und ihn mit Ovationen würdevoll verabschiedeten, als der mittlerweile 33-jährige Veteran langsamen Schrittes vom Rasen von Cardiff schritt.

In jenem Moment, als der gute „Giggsy“ seine Kapitänsbinde an Craig Bellamy, den ebenso streitbaren wie wieselflinken und inzwischen für West Ham stürmenden Angreifer, weiterreichte, da verdrückte der Filigrantechniker nicht nur eine Träne. Ob es allerdings einzig Tränen des Abschieds waren oder im Verborgenen möglicherweise Trauer mitschwang, dass Wales ohne seinen einzigen wirklichen Star künftig auf Europas Spielfeldern eine noch dürftigere Rolle spielen wird, lässt sich hier wohl nicht gänzlich aufklären.

Keine walisischen Himmelsstürmer

Letzteres könnte aber durchaus der Fall sein angesichts der in der westlichen Provinz des britischen Königreichs gelinde gesagt nicht gerade vorherrschenden Talentflut. Als Giggs einst bei einer 1:4-Niederlage im November 1991 in Deutschland 17-jährig für Wales debütierte, schien das damalige Wunderkind mit dem wunderbaren linken Füßchen der walisische Meilenstein für eine bessere Zukunft des walisischen Fussballs zu werden.

Er allein trat das Erbe der Anfang der Neunziger so langsam in die Jahre kommende große walisische Fussballergarde um Regisseur Mark Hughes von Manchester United, den mit einem besonderen Torinstinkt versehenen Ian Rush vom FC Liverpool und Evertons Torwarthünen Neville Southall. Allerdings, Tore schießen, dribbeln, eine Mannschaft anführen und womöglich noch Tore verhindern. Das war selbst für einen Ryan Giggs zu viel.

Kurzum: seinen Landsleuten gelang es nicht, mit ihrem Aushängeschild auf dem Rasenrechteck mitzuhalten. Kampf und Krampf und lange Bälle sind zumeist im walisischen angesagt, in dem in vorderster Front dem John Hartson eine Sturmkante auf lange Bälle wartete. Die Folge: in seiner 16-jährigen Nationalmannschaftkarriere mühte sich Giggs vergeblich im Dress seines Heimatlandes durch die Mühlen der WM- und EM-Qualifikationen. Am Ende eint Giggs mit den großen Alfredo di Stefano und George Best, ebenso wie sie nie in seiner langen Karriere an einer Weltmeisterschaftsendrunde teilgenommen zu haben.

Denn auch in der aktuellen Qualifikationsrunde ist der Euro-Endrundenzug für die Mannschaft des weitgereisten walisischen Nationaltrainers John Toshack, in besseren Tagen unter anderem Coach von Real Madrid, schon längst abgefahren. Zu groß war die Lücke innerhalb des walisischen Kaders, in dem Giggs und Bellamy für ManU und Liverpool zwar die Spielfelder Champions League unsicher machten. Im gleichen Atemzug sind allerdings Kicker an ihrer Seite zu finden, die mit ihren Klubs oftmals lediglich in der zweiten oder dritten englischen Liga beheimatet sind. Da scheint es schwer nach Giggs’ Abdankung einen Nachfolger für das Idol zu finden. Der aktuelle walisische Torhüter ist beispielsweise Ersatzmann bei dem Zweiligisten Wolverhampton Wanderers, während Stürmer Freddie Eastwood sogar gerade erst aus Englands vierter Division zu einem englischen Drittligisten gewechselt ist.

Gareth Bale Giggs-Nachfolger?

Hoffnungsträger? Einer, der Giggs Rekord als jüngster walisischer Nationalspieler seinerzeit brach, ist der mittlerweile 19-jährige Lewin Nyatanga. Der Sohn eines simbabwischen Vaters und einer walisischen Mutter gab im Alter von 17 Jahren und 195 Tagen sein Debüt bei den „Dragons“ und gilt im walisischen Fussball freilich als großes Talent. Gleichwohl hat der Abwehrspieler seinen Weg auf die Spielfelder der großen britischen Fussballbühne, der englischen Premier League, bislang noch nicht gefunden.

Eigentlich steht Nyatanga bei Aufsteiger Derby County unter Vertrag, der ihn jedoch als noch nicht reif für das englische Fussball-Oberhaus befand und nun zum wiederholten Mal an den Zweitligisten Barnsley verlieh. Allein schon wegen seiner defensiven Position dürfte Youngster somit lediglich der mitunter unbeweglichen walisischen Abwehrreihe neuen Glanz verleihen.

Den Weg in die Fußstapfen von Ryan Giggs eher finden dürfte dagegen mit Gareth Bale, das größte walisische Talent dieser Tage. Bale, der sowohl defensiv als auch offensiv wie Giggs auf dem linken Flügel zu Hause ist, zeichnet sich nicht nur seine abstehenden Ohren, sondern besonders durch seine exzellente Ballbehandlung und seine enorme Schusskraft aus. Vergleiche mit dem „altehrwürdigen“ Giggs waren daher schnell geschlossen. Denn überdies jagte Bale Nyatanga auch noch den Rekord als jüngster walisischer Internationaler aller Zeiten ab. „Teenie“ Bale absolvierte seine Länderspielpremiere mit 16 Jahren und 315 Tagen und krönte diese damals gleich mit einer Torvorlage zum 2:1-Siegtor über WM-Teilnehmer Trinidad und Tobago.

Kein Wunder, dass sich schnell die großen Klubs aus der Premier League die Hände wegen des hochtalentierten Bale rieben, der nur einen Monat vor seinem Länderspieldebüt für den englischen Zweitligisten FC Southampton erstmals Luft im Profifussball schnupperte und dort insofern die Fährte seines dortigen ehemaligen Zimmerkollegen, eines gewissen Theo Walcott, aufnahm. Unterdessen entschied sich Bale übrigens gegen die Offerten von Manchester United und Arsenal und schloss sich den Tottenham Hotspurs an, die nicht weniger als satte zehn Millionen Pfund für das walisische „Juwel“ hinbätterten.

Dadurch avancierte der Jüngling mit den Segelohren und dem starken linken Fuß sogleich zum teuersten walisischen Fussballer aller Zeiten. Diese „Ehre“ war selbst nicht einmal Ryan Giggs vergönnt, was wohl eher darin begründet ist, dass der sein bisheriges Fussballerleben lang bekanntlich die Stiefel einzig für Manchester United schnürte.

Die walisische Ausgabe von George Best...

Neben Lewin Nyatanga und Gareth Bale hat im Übrigen noch ein weiterer Stern am walisischen Fussballhimmel zu glühen begonnen. Ob man es glaub oder nicht. Dank dieses jungen Stürmers des englischen Erstligisten Wigan Athletic hat der walisische Fussball sogar seinen eigenen George Best. Der war offenbar für den Vater des 19-Jährigen David Cotterill ein dermaßen großes Idol, dass Georgie Best ebenfalls mit seinem vollen Namen im selben des unschuldigen David Rhys George Best Cotterill verewigt wurde.

Der gute David hat zwar weder bei Wigan noch im walisischen Team bisher Bäume ausgerissen, hat aber aufgrund seines jungen Alters wohl noch genügend Zeit, um seinem Namen im wahrsten Sinne des Worte gerecht zu werden. Ansonsten gilt sowohl für ihn als auch für die beiden anderen überaus talentierten Sprösslinge des walisischen Fussballs: Kick it like Giggs!

Dieser Artikel ist ebenfalls auf Goal.com veröffentlicht.