Freitag, 7. September 2007

Ein Platz an der Sonne

Fußballklubs denken ebenso wie der treue Anhänger in Spielzeiten und nicht in Kalenderjahren. So eine Fußballsaison dauert außer beispielsweise in einigen skandinavischen oder osteuropäischen Ländern zumeist von August bis Mai.

Wenn es „historisch“ wird...

In diesen „heiligen“ Monaten der Saison oder spätestens am Ende einer jeden Spielzeit ereignen sich regelmäßig insbesondere für die Fans der Vereine aus aller Welt zumindest gefühlte „historische“ Dinge. Das ist im Fußball-Olymp bei den Real Madrids, Barcas, Liverpools oder Arsenals genauso wie bei Leyton Orient, dem englischen Drittligisten aus dem Osten Londons.

So durften sich die Anhänger der O’s beispielsweise Mitte der Neunziger darüber freuen, dass mit Peter Shilton der englische Rekordnationalspieler in neun Partien im Orient-Dress seine lange Karriere ausklingen ließ und obendrein sein 1.000 Profispiel für Leyton absolvierte. In der jüngeren Vergangenheit, vor ungefähr einem Jahr, jubelten Orients Anhänger nach elf teilweise düsteren Jahren der Zugehörigkeit zur vierten englischen Division, der Coca Cola League Two, über den Aufstieg Orients in die dritte englische Profiliga, der Coca Cola League One. Im Frühling diesen Jahres bejubelte Leytons Anhängerschar dann hingegen den gerade eben errungenen Klassenerhalt in der 24er-Liga.

Orient und seine Klubbiographen

Da es im schnelllebigen Fußballgeschäft Jahr ein Jahr aus bei diesem Sammelsurium an „historischen“ Ereignissen schwierig bleibt, den Überblick zu behalten, ist es nützlich, wenn es jemanden gibt, der sich diesen Episoden der lebhaften Klubgeschichte annimmt und diese niederschreibt. Für Leyton Orient macht dies der Historiker Neilson N. Kaufman, für den Orient offensichtlich eine Leidenschaft ist und der diese auslebend bereits in einer Vielzahl von Büchern unter anderem Leytons wohl besten Mittelstürmer aller Zeiten Peter Kitchen porträtierte oder auch anlässlich des Vereinsjubiläums alle möglichen Daten und Anekdoten zur Vereinsgeschichte des zweiältesten Klubs Londons zusammentrug.

Über Leyton Orients einjährigen Abstecher in die erste englische Liga hat der gute Mister Kaufman zwar keine Zeilen in seine Tastatur getippt. Über die Saison 1962/63 ließ sich vielmehr ein gewisser Kevin Palmer auf gut 160 Seiten aus und sorgte dafür, dass diese Saison, die Palmer seinem Buchtitel entsprechend „A Season in the Sun“ nannte, im Laufe der Jahre bei alt und jung an der Brisbane Road nicht in Vergessenheit gerät.

Dieses Intermezzo der Erstklassigkeit, damals hieß die heutige Barclays English Premier League noch schnöde First Division, soll den Träumen der Verantwortlichen und Fans der O’s gerecht werdend natürlich so schnell wie möglich wiederholt werden. Denn am Ende der gut vier Spieltage alten Saison, im Mai 2008, ist eben beschriebenes Kapitel mittlerweile 45 Jahre her. Eine überaus lange Zeit, wenngleich es dann bei einer sich tatsächlich ereignenden Rückkehr auf die Bühne des englischen Fußball-Oberhauses dort sicherlich nicht bei einem einjährigen „Zwischenspiel“ bleiben sollte.

Daher könnte angesichts des überraschend guten Saisonstarts von Leyton Orient die jünsgt gestartete Drittligasaison 2007/2008 nach den vier Auftaktspielen auch schon gleich wieder beendet sein. Leyton Orient musste zwar vor dem Saisonbeginn einen personellen Umbruch über sich ergehen lassen, über den in der letzten Ausgabe dieser Kolumne eingehend berichtet wurde, hat diesen jedoch scheinbar überaus gut verkraftet.

Platz an der Sonne

Rang eins und damit der Platz an der Sonne in der League One zeugen davon, dass der Orient-Express schnell auf Touren gekommen und sofort in die Erfolgsspur gefahren ist. Gut, Zwangsabsteiger und Traditionsklub Leeds United gelangen zwar vier Erfolge, dass das mit minus 15 Punkten in die Saison gestartete Leeds aber mit minus drei Zählern weiter am Tabellenende rumdümpelt, hat man im Leyton Orient nicht zu vertreten.

Vielmehr werden sich Orients Fans sich noch gut dara nerinnern , wie schlecht ihr Lieblingsklub im vergangenen Jahr aus den Startlöchern kam und erst im Dezember beim früheren Europapokalsieger Nottingham Forest sein erstes Auswärtsspiel gewann. Das Fremdeln in der Fremde stellten die O’s allerdings bereits am 1. Spieltag der neuen Spielzeit beim Zweitligaabsteiger Southend United sofort ein und triumphierten bei dem Klub, der im letztjährigen Ligapokal Manchester United an selber Stelle noch überraschend geschlagen hatte, mit 2:1.


Eine Woche später wollten die O’s auch in der Heimspielpremiere in ihrem Matchroom Stadium an der Brisbane Road dem Auswärtsieg in nichts nachstehen und bezwangen Walsall mit 1:0, um wieder eine Woche darauf bei Crewe Alexandra, wiederum auf fremden Terrain, glatt mit 2:0 zu siegen. Dass es am ersten Septembertag daheim gegen Northampton in Anführungsstrichen nur zu einem 2:2-Remis reichte, konnte daher verschmerzt werden. Denn Orient-Coach Martin Ling musste nach den ganzen Erfolgserlebnissen, die zusätzlich von einem Ligapokaltriumph bei den zweitklassigen Queens Park Rangers getoppt wurden, gar den Zeigefinger heben, dass alle O’s auch mit beiden Füßen auf dem Boden bleiben.

Das sollten sie auch tun, sofern der Orient-Express tatsächlich auf dem Platz an der Sonne liegend 42 Spieltage später ein Stückchen näher in Richtung des Sonnenscheins der Premier League rauschen will. Vielleicht schreiben die Herren Kaufman oder Palmer am Ende tatsächlich noch ein Buch über diese möglicherweise „historischen“ Monate…let’s go Leyton Orient!

Dieser Artikel ist ebenso auf Goal.com veröffentlicht.

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