Donnerstag, 27. September 2007

Der kopflose Hahn

In den vergangenen Tagen ist in London schon wieder eine Menge Wasser durch die Themse geflossen. Der Abschied José Mourinhos von seinem FC Chelsea hat die fest im Londoner Boden verankerte Stamford Bridge an jenem 20. September und den Tagen darauf, bildlich gesprochen, doch ganz schön wackeln lassen.

Mission Impossible für Mr. Mourinho?

Doch ob der erfolgreiche Mourinho, der mit den „Blues“ in seiner dreijährigen Ära jeweils zwei englische Meistertitel und Ligapokalsiege nebst eines FA Cup-Triumphes feierte, nun selbst das Handtuch Roman Abramowitsch sozusagen ins Gesicht warf oder der erfolgsverwöhnte Russe die Reißleine zog. Diese Information ist noch nicht wirklich über den Ärmelkanal geschwappt.

Eines steht jedoch fest, der Portugiese hat seinen einstigen Auftrag neben zahlreicher englischer Silberware, mit Chelsea ebenso die Champions League zu gewinnen, nicht erfüllt. Fürwahr sind zwei Halbfinalteilnahmen in drei Jahren nicht von schlechten Eltern.

Aber wenn Liverpool unter anderem zweimal, gebündelt mit der für die „Reds“ so beschwingenden Anfield-Folklore, für Mourinhos ehemals zumeist kühl auftretenden „Blues“ Schicksal spielt, riecht das trotz des millionenschweren aus aller Welt angeheuerten Personals schon beinahe nach „Mission Impossible“. Auch für solch einen Motivationskünstler und Taktikfuchs wie Mr. Mourinho, der etwas entgegen seinen Geflogenheiten nicht nur positive Resultate erzielen und anstelle des von ihm mitunter perfektionierten Ergebnisfußball mit Chelsea auch noch glanzvollen Fußball spielen sollte.

„Blues“ profitierten von Mourinhos Charisma

Wirkte die königsblaue Kluft des Londoner Traditionsvereins vor seiner Inobhutnahme durch Mourinho und dessen Charisma mitunter grau, stelzte der Chelsea Football Club unter der Ägide des Portugiesen seit 2004 wie ein majestätischer Hahn mit stolz geschwellter blauer Brust durch die Premier League, etliche Pokalspiele auf der Insel sowie zahlreiche heiße Duelle auf dem Champions League-Parkett.

Dass die Stärke des manchmal überheblich anmutenden Mourinhos, der bekanntermaßen keinem öffentlich ausgetragenen Disput mit Arsene Wenger oder Sir Alex Ferguson aus dem Weg ging, sich allmählich auf seine jährlich hochgradig verstärkte Equipe übertrug, war unverkennbar. Schon bei seinem Amtsantritt ließ der zweimalige Welt-Klubtrainer die Journalisten auf der obligatorischen Pressekonferenz wissen, was er von sich und seinem neuen Klub hielt:„ Chelsea hat eine Topmannschaft, und entschuldigen Sie, wenn das arrogant klingt: Chelsea hat jetzt vor allem einen Toptrainer.“ „The Special One“ war schnell auf der Insel angekommen.

Er sollte mit seiner Einschätzung Recht behalten. Obendrein pflegte er zu seinen Spielern, allen voran „Skipper“ John Terry, Didier Drogba und Frank Lampard, eine besondere Beziehung und stellte sich nach schlechteren oder nicht erfolgreich verlaufenden Spielen, die es in Sphären von 85 Siegen in 120 Ligapartien nicht allzu oft gab, stets schützend vor seine Schützlinge. Die Tage, an denen Mourinho mit Lampard Arm in Arm diese und weitere Triumphe feierte, sind unterdessen gezählt.

Schewtschenko, Büchse der Pandora?

Man kann es da beinah als Ironie des Schicksals beschreiben, dass ausgerechnet der von Chelsea-Chef Abramowitsch stets goutierte und von Mourinho ungeliebte Andreij Schewtschenko, den Abramowitsch gegen den Willen des Portugiesen anno 2006 für rund 60 Millionen Euro vom AC Milan loseiste, gegen Rosenborg Trondheim den letzten Treffer in der Ära Mourinho erzielte. Schewtschenko hatte zuvor unter Mourinho bekanntlich wenig zu lachen, scheint jedoch trotz seiner sportlich eher geringen Bedeutung für Mourinho die sogenannte Büchse der Pandora gewesen zu sein.

Denn es gab wohl kaum Tage, außer vielleicht an kalten Januarabenden im englischen Ligapokal gegen Dritt- oder Viertligisten wie die Wycombe Wanderers, an denen der so hochgelobte „Schewa“ seine Klasse in England tatsächlich nachwies. Dass Mourinho weitgehend auf die bislang auf der Insel verborgen gebliebenen Ballkünste des Ukrainers verzichtete hatte, dürfte seine Gunst bei Chelsea Klubchef daher im Laufe der Zeit nicht gerade erhöht haben. An dem Tag, als Mourinhos sich offiziell von seiner ihm zum großen Teil ergebenden ehemaligen Mannschaft auf Chelseas Trainingsgelände in Cobham verabschiedete, sprach der kurze und frostige Handshake zwischen Mourinho und Schewtschenko Bände.

Ganz anders auf den Weggang ihres Trainers reagierten Frank Lampard und Didier Drogba, die sich ihre Tränen nicht verkneifen konnten. Neuzugang Florent Malouda und Abwehrrecke Ricardo Carvalho, die gaben gar zu, dass ihr einziger Grund für Chelsea zu spielen, „Mourinho“ hieß. Mitunter wurde zwar bereits medial ein Spielerexodus befürchtet. Diesen in der nächsten Transferperiode zu verhindern, obliegt jetzt Mourinhos Nachfolger Grant, Avraham nicht Hugh.

Grant, Abramowitsch-Erfüllungsgehilfe?

Inwiefern der Intimus von Roman Abramowitsch, der Mourinho den ehemaligen israelischen Nationaltrainer vor der Saison als Sportdirektor in den Nacken setzte, sich jedoch die Gunst von Terry, Drogba, Lampard & Co. sichern kann, bleibt abzuwarten. Wird doch mitunter etwas ketzerisch vermutet, dass der im Gegensatz zu Mourinho farblos wirkende Grant einzig ein vom großen Roman installierter Vasall ist, der womöglich nach Weisung des Russen die Trikots in der Kabine verteilt.

Jedenfalls wirkt der Chelsea Football Club derweil, ob mit Grant oder gerade wegen ihm, anstelle des seinerzeit so majestätisch durch den englischen Fußball schreitenden Hahnes wie einer, dem der Kopf abgehackt wurde. Denn eine derart dürftige Vorstellung gegen Konkurrent Manchester United wie am vergangenen Sonntag lieferte Chelsea schon lange nicht mehr ab. Daran konnte auch Avraham Grant nicht viel ändern.

„Good luck in the rest of your career”, tippte José Mourinho bekanntermaßen in der Nacht seines Abschieds in sein Handy, weclhes die SMS an seine sogenannten „Vertrauensspieler“ Terry, Drogba und Lampard übersandte. Dieses Glück wird sicherlich auch sein als „Dauerlösung“ gepriesener Nachfolger gut gebrauchen können. Übrigens, ebenso wie ein richtige Trainerlizenz. Wann der Chelsea-Hahn wohl endlich wieder richtig laut kräht?

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