Donnerstag, 12. Juli 2007

Ein weiterer Prinz für das Königreich?

Der hochtalentierte Berliner Kevin-Prince Boateng steht vor einem Wechsel zu den Tottenham Hotspurs. Für den 20-jährigen deutschen Junioren-Nationalspieler wäre der Transfer die Erfüllung eines Traums. THOR WATERSCHEI-Blogchef Björn Hoeftmann hat den Wechsel des designierten Tottenham Heißsporns in seiner Kick and Rush-Kolumne auf Goal.com unter die Lupe genommen…

„Can I say you to you?“ Mit dieser kühnen Frage trumpfte der frühere deutsche Bundespräsident Heinrich Lübke dereinst vor Queen Elizabeth II. auf. Dieser kleine Verstoß gegen das höfische Protokoll durch den gebürtigen Sauerländer hat die britische Monarchie aber nicht weiter erschüttert. Gleichwohl könnten im Vereinten Königreich demnächst womöglich kleinere Irritationen bevorstehen.

Ein weiterer Prinz neben den Charles, Andrews, Williams und Harrys ist drauf und dran den Ärmelkanal in Richtung London zu überqueren, peilt jedoch nicht den Buckingham Palace in der Themse-Metropole an - sondern vielmehr die White Hart Lane im Nordlondoner Stadtteil Tottenham.

Die Rede ist von Kevin-Prince Boateng, dem ebenso heißblütigen wie hochveranlagten Mittelfeldtalent von Hertha BSC Berlin. Boateng ist zwar nicht von adeligem Geschlecht, wodurch vorgenannte Prinzen mit einem zwinkernden Auge gesagt, hinsichtlich der Thronfolge wieder aufatmen können. Viel wichtiger ist allerdings, dass in Boatengs Adern damit zwar kein blaues Blut, dafür indessen das Blut des höchsten deutschen Fussball-Adels fließt.

Helmut Rahns Großneffe hochveranlagt...

Boateng ist der Großneffe des deutschen Fussball-Idols Helmut Rahn, der einst Deutschland mit seinen zwei Treffern anno 1954 entscheidenden Anteil am deutschen Endspielsieg im WM-Finale gegen Ungarn in Bern hatte. Das Talent, liegt dem Sohn eines Ghanaers, der in der Lage ist seine filigrane Ballbehandlung mit seiner Dynamik und beeindruckender Schusstechnik zu vereinen, also quasi in den Genen. Zumal sein ghanaischer Onkel gar den ghanaischen Nationaldress trug.

Groß geworden ist Boateng im Berliner Problemviertel Wedding und feierte schon mit 18 Jahren sein Debüt in Herthas erster Elf. Der 20-Jährige, der im Sommer 2006 die Fritz-Walter-Medaille als Nachwuchsspieler der Saison erhielt, ist also ein weiteres Produkt aus Herthas guter Jugendförderung. Nicht von ungefähr sagte Hertha-Manager Dieter Hoeneß ihm seinerzeit eine rosige Zukunft voraus: „Er hat alle Voraussetzungen für eine große Karriere.“

Zuviel Hacke, Spitze – eins, zwei, drei?

Gleichwohl ist Boatengs Karriere ungeachtet aller Vorschlusslorbeeren im vergangenen halben Jahr vorläufig etwas ins Stocken geraten. Einerseits verhinderten Knieprobleme das mögliche Debüt in der deutschen Nationalmannschaft im März gegen Dänemark. Andererseits eckte der robuste Boateng an, wo er nur konnte. Eigensinn und der übertriebene Einschub so genannter Kabinettstückchen der Kategorie „Hacke, Spitze – eins, zwei, drei“ legte man ihm zur Last.

Solch einen narzisstischen Habitus wird man bei Ausnahmekönnern auf dem Rasenrechteck zwar immer wieder finden. Doch stimmte bei Boateng zuweilen nicht die Relation zwischen Kunst und Effektivität. Kurzum: der „Alten Dame“ aus der Hauptstadt brachte die brotlose Kunst ihres Toptalents nicht viel, da dieser sich auch außerhalb des grünen Rasens bisweilen mit einer sehr lockeren Einstellung als „Berliner Prinz“, wie Boulevard-Medien ihn tätschelten, gefiel.

Probleme in Berlin...

Boateng brachte Hertha nicht die erhofften Tore und Punkte und geriet obendrein mit seinen Mannschaftskollegen aneinander. Nach einer abfälligen Bemerkung Boatengs im Hertha-Training in Richtung seines Mitspielers Joe Simunic, nahm sich der ansonsten doch eher zurückhaltend anmutende Berliner Kapitän Arne Friedrich seinen jungen Kollegen wenig moderat verbal zur Brust: „Es kann nicht sein, dass ein 20-Jähriger, der gerade einmal 4 Bundesligaspiele oder so hat, hier die Fresse aufreißt.“ Bewahrheitete sich hier etwa ein altes Sprichwort? Große Klappe, nichts dahinter?

Jedenfalls scheint das Hertha-Eigengewächs bei dem ambitionierten Hauptstadtklub trotz laufenden Vertrages bis 2009 ausgespielt zu haben, zumal Herthas neuer Trainer Lucien Favre exzentrischen Ausflüchten sehr kritisch gegenüberstehen soll. Die Karriere des in Europa heißbegehrten Boatengs soll nun also anderswo wieder Spur aufnehmen.

...in Europa heißbegehrt

Ein Transfer zu UEFA-Pokalsieger Sevilla war fast schon perfekt. Da sich die Spanier allerdings mit den Berlinern nicht auf eine Ablösesumme einigen konnten, hat nun Premier League-Klub Tottenham das schwierige Talent an der Angel und sich inzwischen mit Hertha BSC auf die satte Ablösesumme von 7,4 Millionen Euro verständigt. Nun ist lediglich noch die Einigung von Boateng mit den „Spurs“ offen, bei denen der Ur-Berliner indes gut aufgehoben scheint .

Und dies nicht nur, weil Boatengs mitunter auftretende Heißspornigkeit gut zum Vereinsnamen des Klubs passt. Vor allem aber, weil Tottenhams niederländischer Coach Martin Jol vornehmlich auf die Jugend setzt und ein hoffnungsvolles Team aufgebaut hat, in dem sich zum einen hochbegabte Kicker wie den englischen Jungnationalspielern Aaron Lennon, Jermaine Jenas und dem erst jüngst für fast 25 Millionen verpflichteten Darren Bent neben erfahreneren Spielern wie dem früheren Leverkusener Dimitar Berbatow, Robbie Keane oder „Spurs-Skipper“ Ledley King tummeln.

Rückbesinnung auf die Stärken?

Der zweimalige englische Meister fand mit dieser Mischung nach jahrelangem Dasein im Mittelmaß der Premier League wieder zurück in die Top Five der Liga. Falls Boateng den Weg an die White Hart Lane nun tatsächlich einschlagen sollte, wird er dort denselben wohl zunächst zurück zu sich selbst finden müssen. Denn der „Berliner Prinz“ ist er zwar schon, zum „Prinzen von der White Hart Lane“ wird es für ihn wohl noch ein überaus langer und vor allem steiniger Pfad werden. Diesen Titel würde dann übrigens wohl auch die Queen dulden, obschon der Monarchin Tottenham ja angeblich recht gleichgültig sein soll. Gilt die mittlerweile 81-Jährige doch als große Sympathisantin von Tottenhams Erzrivalen Arsenal…

Der Artikel wurde ebenfalls auf Goal.com veröffentlicht.

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